Leserbrief

Pharisäer und Zöllner – Was sie uns über das Kirche-Sein sagen

Franz Näscher, Pfr. i. R.,Kirchagässle 14, Bendern | 29. März 2014

Eine bekannte Geschichte, die Jesus erzählt hat, ist jene vom Pharisäer und Zöllner im Tempel. Peinlich – das Verhalten jenes Pharisäers, der verächtlich über den Zöllner denkt und sich mit den eigenen guten Taten brüstet! Dabei hätte er durchaus als Vorbild dienen können. Man tut nämlich unrecht, das Wort «Pharisäer» als Schimpfwort zu verwenden.
Die Pharisäer nahmen es ernst mit dem Glauben an Gott und einem entsprechenden Leben; sie glaubten an das Kommen des Messias, an die Auferstehung und an ein jenseitiges Gericht mit jenseitiger Gerechtigkeit.
Aber die Pharisäer waren dafür bekannt, selbst genau zu wissen, worauf es ankommt, und bildeten sich auch dementsprechend etwas darauf ein. Der eigentliche Gottesglaube bestand für sie in der Beobachtung des religiösen Gesetzes mit den vielen kleinlichen Vorschriften (248 Gebote und 365 Verbote).
Es waren diese selbstgerechten Pharisäer, die Jesus hart angriff: ihren Stolz auf die Kenntnis und Einhaltung des Gesetzes nannte er überheblich; er bezeichnete sie als Heuchler, weil sie ihre Frömmigkeit offen zur Schau stellten; er kritisierte ihre eigentümliche Auslegung des religiösen Gesetzes, die immer mehr auf beobachtbare Äusserlichkeiten Wert legte. Jesus kritisierte die Pharisäer nicht zuletzt deswegen so hart, weil sie ihm im Glauben am nächsten standen.
Es ist klar, dass Jesus nicht einfach eine Geschichte erzählen, sondern damit eine wichtige Lehre erteilen will, wie er sich die Kirche als seinen Freundeskreis vorstellt – nicht nur damals, sondern zu allen Zeiten, gerade auch in unseren Tagen. Denn was dann und wann an Verdächtigung oder sogar Beschuldigung eines Mitchristen in die Medien gegeben wird, oder das Sich-Ausgrenzen in frommen Grüppchen und privaten Kreisen, wo über andere geredet und geurteilt wird, ist genauso peinlich wie das Verhalten des Pharisäers!
Papst Franziskus legte in der Feier der Pfingstvigil den kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften nahe: «Bitte, sich nicht verschliessen! Das ist eine Gefahr: Wir schliessen uns ein in der Pfarrei, mit den Freunden, in der Bewegung, mit denen, die denken wie wir ... aber wisst ihr, was dann passiert? Wenn die Kirche sich verschliesst, wird sie krank.»
Die Kirche unserer Tage wird ihre Krise nur überwinden, wenn uns etwas am Freundeskreis liegt, den wir um Jesus, den Auferstandenen, bilden und damit alles tun, was Jesus uns sagt.

Franz Näscher, Pfr. i. R.,
Kirchagässle 14, Bendern

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