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Leserbrief

«Sieben & Dreissig»

Víctor Arévalo, Univ.-Prof. Dr. iur.,Auring 56, Vaduz | 29. März 2014

Nach dem ersten Jahr des Papsttums Franziskus geht um die Welt die Frage nach seinen theologischen, philosophischen und politischen Überzeugungen. Ein Umbruch der Seinsverfassung des katholischen Glaubens erwartete niemand. Jetzt, dass dieser geschehen ist und fortan zum Weltumbruch wird, fragt jedermann danach. Die westeuropäische Presse verfügt jedoch offensichtlich über keine Kenntnisse, um darauf zu antworten, und das Politische treibt sie dazu, seinen «Allheil-Zwecken» Passendes zu erdichten, keine Blamage zu scheuen und das Nächstliegende auszuschlachten. Wenn Putin die Lenin-Mumie wachrüttelt, revanchiert sich die Journaille damit, dass sie Marx heiligspricht und eine Artikellawine mit dem Titel: «Ist unser Papst Marxist?» druckt. Dies zu schreiben, kann nur jemand, der sich dessen Ignoranz bewusst auf solche stolz fühlt, weil er die Leserschaft so verachtet, dass er dieser nicht einmal zutraut, seine Niedertracht wahrzuhaben. Wenn ein Journalist den Papst fragt, repliziert er immerhin mit der Wahrheit darauf: «Die marxistische Ideologie ist falsch. Aber ich habe in meinem Leben viele Marxisten getroffen, die gute Menschen sind, darum fühle ich mich nicht beleidigt.» Die Menschheit nimmt ihm ab, was er sagt, weil es wahrhaft ist. Einfache, eingängige Bilder, keine abstrakte Sprache, die nur Eingeweihte verstehen.
Der Papst ist kein Marxist. Ich kenne ihn seit 37 Jahren und wir haben zu den schlimmsten Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien zusammengearbeitet. Jorge traute unsere Ehe und taufte unseren Sohn Fernando vor dem Schrein Ignatius. Theologisch, philosophisch und politisch stimmten unsere Überzeugungen schon vor unserem ersten Treffen in San Miguel einhellig überein. Besonders überrascht mich allerdings, dass in diesen 37 Jahren die Koinzidenzen trotz des stetigen Umschwungs unverändert weiterbestehen. Das Denken Jorges steht für sich selbst aufrecht und betrifft, was jetzt unvermittelt und übergangslos an uns herankommt. Deshalb habe ich begonnen, Jorges Denken in seiner Vielgestaltigkeit darzulegen, bevor jemand für möglich gehalten hätte, dass Gott ihn zum Papst berufen würde. In meinungen.li fing dieses an. Der erste Beitrag vom 7. September 2012 hiess «Far Away and Long Ago» – weit weg und lange her.
Wie der Besuch Obamas es aufzeigt, wird Jorge jetzt zur Weltinstanz zwischen Ost und West, Krieg und Frieden, Armen und Reichen. Die Umwälzung in der Kirche lässt die Menschheit einen Brückenbau zu einer möglichen Zukunft, die geistig Umnachtete Anfang des Millenniums vernichteten, erneut erhoffen.

Víctor Arévalo, Univ.-Prof. Dr. iur.,
Auring 56, Vaduz

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