Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Volksblatt Werbung
Leserbrief

«Vaduz und ich lieben uns heimlich»

| 30. Oktober 2013

Artist-in-Residence?Als Mitglied von «TRADUKI», einem Netzwerk für Literatur und Bücher, und auf Einladung des Kulturressorts arbeitet der Autor Dragan Aleksic im FL.

Der Autor Dragan Aleksic erhielt als erster Schriftsteller ein «Artist-in-Residence»-Stipendium von Liechtenstein. Das Ressort Kultur des Fürstentums Liechtenstein sowie die Kulturstiftung Liechtenstein gehören seit November 2012 zu den Partnern von TRADUKI. Die übrigen Mitgliedsländer sind Albanien, Bosnien und Herzogowina, Bulgarien, Deutschland, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Österreich, Rumänien, die Schweiz, Serbien und Slowenien. Mit einem Übersetzungsprogramm für Belletristik, aktuelles Sachbuch sowie Kinder- und Jugendbuch des 20. und 21. Jahrhunderts wird der Austausch zwischen den Beteiligten gefördert.

Begegnungen zwischen Autoren, Übersetzern, Verlegern, Bibliothekaren, Kritikern und Wissenschaftlern sollen dabei den europäischen und interregionalen Informationsaustausch fördern und die Kooperation stärken. Dragan Aleksic wurde 1958 in Bela Crkva in Jugoslawien (heute Serbien) geboren und studierte Kunstgeschichte in Belgrad. 1992 debütierte er mit dem Roman «Helldunkel». Seit 2006 lebt er in North Olmstedt, Ohio / USA. «Vorvorgestern» und «Zwischen Nera und Karasch» sind seine ersten Bücher in deutscher Übersetzung. Der Autor Dragan Aleksic hat den folgenden Text während der ersten Tage seines Aufenthaltes in Vaduz verfasst (Deutsch von Mascha Dabic):(pd)

Vaduz und ich lieben uns heimlich. Jawohl. Vaduz liebt mich, wenn ich lange Spaziergänge durch seine Strassen mache. Wenn ich ihn von allen Seiten betrachte. In solchen Augenblicken nimmt er eine gerade Haltung ein und fährt sich mit dem Kamm durch die Haare. Damit er in meinen Augen schöner aussieht. Er weiss ganz genau, ich bin nicht einer von denen, die ein paar Schnappschüsse vom Schloss Vaduz schiessen, sich dann noch selbst fotografieren, und sich anschliessend aus dem Staub machen, ohne ein Wort des Abschieds.
Vaduz liebt mich, wenn ich im «Royal» meinen Kaffee trinke, in der Sonne, während ein laues Lüftchen die herabgefallenen Blätter unter den Hufen der eisernen Pferde herumwirbelt, die vor dem Rathaus ihre Glieder strecken. Vaduz sagt zu mir: «Ich weiss, Kaffee, Schnaps und ein Glas Wasser bestellst du auf Deutsch, aber Bier oder ein Glas Weisswein auf Englisch.» Über meine Liebe zu Vaduz schreibe ich auf zahlreichen Postkarten mit seinem Antlitz. Er lugt mir über die Schulter, um zu sehen, was ich schreibe.
Er sagt: «Das heisst also, viele deiner Verwandten und Freunde in den USA, Kanada, Schweiz, Deutschland, Italien, Österreich, Montenegro und Serbien werden mich sehen und von mir hören.» Vaduz und ich lieben uns heimlich. So wie jene Freunde, die jahrzehntelang jeden Abend nach dem Abendessen einen gemeinsamen Spaziergang durch die leere Stadt machen. Bei jedem Wetter. Vaduz und ich machen uns nichts daraus, dass wir uns noch gar nicht so lange kennen. Der grosse Unterschied im Bezug auf Alter und Erfahrung trübt unser Glück keineswegs. Vaduz und ich lieben uns heimlich. Er steckt mir kleine Geschenke zu, und ich schreibe eine Geschichte für ihn. Im Restaurant «Angel» bestelle ich zwei Schäpse. Einen für mich, einen für Vaduz. Als ich sicher sein kann, dass mir niemand zusieht, stosse ich leicht mit seinem Gläschen an und sage leise «zum Wohl» auf Serbisch: «Živeli.» Vaduz und ich lieben uns. Über unsere Liebe sprechen wir nicht in der Öf fentlichkeit. Schliesslich wollen wir unsere anderen Lieben – die früheren und die gegenwärtigen – nicht kränken. Vaduz sieht mir zu, wenn ich mit dem Fahrrad am jungen Rhein entlang fahre, und wie ich, als jemand, der sein ganzes Leben in der Ebene verbracht hat, mit grossem Staunen die umliegenden Berge betrachte.
Vaduz und ich lieben uns heimlich. Jawohl. Vaduz und ich verabschieden uns heimlich vor einander. Wir stehen vor der Glaswand in der Nähe des schwarzen Würfels des Kunstmuseums. Wir spiegeln uns im grossen Glas. Wir betrachten einander. Wir sehen, was die Zeit uns gebracht, und was sie uns genommen hat. Wir sehen das Abbild der Sonne am oberen Ende der Glaswand. Dann erblicken wir über uns die echte Sonne. Wir spüren, wie sie uns wärmt. Ich sage: «Eine Sonne für dich, eine Sonne für mich.» Vaduz sagt. «Einmal für dich, einmal für mich.» Wir küssen uns drei Mal zum Abschied, in Gedanken versunken.

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Volksblatt Werbung