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Leserbrief

Nur Mut zum?Missverständnis

Amon Marxer,Murasträssle 4, Balzers | 21. August 2013

«Wir sind Liechtenstein» und lange davor «Wir sind Deutschland», «Wir sind Papst», «Wir sind die 99 Prozent» und viele weitere Varianten. Die Phantasielosigkeit dieses Spruchs scheint nur durch seine Harmlosigkeit übertroffen zu werden. So denkt man.Doch dann schlägt einem aus Leserbriefen die Empörung über ein angebliches Plagiat und – man glaubt es kaum – sinistere Symbolik mit Bezug zum Dritten Reich entgegen. Während man die Plagiatsvorwürfe noch wohlwollend dem fehlenden Interesse an ausländischen Nachrichten zuschreiben kann, muss man sich beim pseudohistorischen Brückenschlag vom Fürsten zum Führer beziehungsweise vom Feuerwerk zu brennenden Städten an den Kopf fassen.Es ist mittlerweile ermüdend. Unterbeschäftigte Hobby-Historiker und selbst ernannte Moralapostel sind genau der Grund, weswegen in westlichen Demokratien heutzutage wegen jedem Pipifax eine Ethikkommission eingesetzt wird. Mit Lust schwingen sie die Geissel der «political correctness» und phantasieren historische Zusammenhänge herbei, um Fehlverhalten aus dem Nichts zu erschaffen und sich mit erhobenem Zeigefinger über den gemeinen Pöbel zu erheben.Zweifellos hat sich Hitler auch des Wortes «Toilette» bedient. Das heisst jedoch nicht, dass das Wort deswegen nun tabu ist, oder wir dazu angehalten sind, zwei Mal am Tag am stillen Örtchen mit angemessener Andacht des Schadens zu gedenken, den dieser grössenwahnsinnige Spinner angerichtet hat und in diesem Kontext über die Bedeutung der Farbe Braun zu sinnieren.Eine tiefere Bedeutung zu sehen, wo keine ist und erst geschaffen werden muss, das sollten wir der Kunst überlassen. Die Geschichte ist dazu da, um aus ihr zu lernen, nicht um sich von ihr sprachliche Ketten anlegen zu lassen. Ich lasse mir jedenfalls nicht von Hobby-Historikern mit zu viel Freizeit und moralischem Sendungsbewusstsein den Mund verbieten.Wie die grosse Mehrheit der Bevölkerung habe ich nicht Geschichte studiert. Wer unseren Aussagen und Handlungen eine historische Symbolik zurechnet, der überschätzt uns, und offenbart gleichzeitig seinen eigenen Charakter, denn die hässlichen Parallelen zur Geschichte hat er selbst gezogen. Letztendlich sieht man in der Welt nicht selten das, was in einem selbst ist, sei dies Schmutz oder Schönheit.Allen Menschen recht getan, ist bekanntlich eine Kunst, die niemand kann. Es wird sie immer geben, die moralisch Entrüsteten und ewig Beleidigten. Denn jede Aussage, selbst «Wir sind Liechtenstein», lässt sich mit irgend einem negativen Vorkommnis aus der Vergangenheit in Beziehung setzen – ein Geschichtsbuch und ein wenig Phantasie reichen dazu völlig.Wenn ohnehin kein Motto vor den moralischen Eiferern sicher ist, weshalb trauen wir uns dann nicht ein wenig mehr? Vielleicht ein dreistes «Napoleon erlebt und überlebt!» Das würde unsere geschichtliche Langlebikeit betonen. Nur Mut zum Missverständnis.

Amon Marxer,Murasträssle 4, Balzers

Rechtsphilosophie

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