Leserbrief

Der vergessene Papst

Franz Näscher, Pfr. i. R.,Kirchagässle 14, Bendern | 29. Juni 2013

Vor 50 Jahren, am 30. Juni, wurde Paul VI., zuvor Erzbischof von Mailand, zum Papst gekrönt. Er war der letzte Papst, der gekrönt worden ist. Ein Jahr später hat er die Papstkrone, die sog. Tiara, mit der Auflage verschenkt, dass mit dem Erlös Armen geholfen werde. Er verzichtete auch auf andere traditionelle Statussymbole wie Baldachin, Pfauenwedel und Laternen, Ehrengardisten, Thronasisstenten und Nobelgarde. «Der erste moderne Papst» nannte ihn 1993 ein Buchtitel. Wie bei Johannes XXIII. war sein Auftreten schlicht und seine Arbeitsweise sehr diszipliniert, damit er trotz seiner seit Kindestagen schwächlichen Gesundheit der vielen Arbeit gerecht werden konnte. Paul VI. hatte in gewissem Sinn das Pech, dass sein Pontifikat wie alle Kirchen in den westlichen Gesellschaften in die Zeit der Krise der 1968er-Jahre fiel, was ihn in manchen Fragen zaudern liess. Sein grösstes Verdienst war die Weiterführung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) und die Umsetzung einer Reihe von ihm angestossenen Reformen. Vor allem die Erneuerung der Liturgie war ihm auch persönlich ein grosses Anliegen. Er kannte die Liturgische Bewegung und war mit Romano Guardini befreundet. 1969 erschien das neue Messbuch und in den folgenden Jahren die erneuerte Liturgie der Sakramente sowie Neuerungen in anderen Bereichen.Er war der erste Papst, der die Bewegungsfreiheit nach den Lateranverträgen von 1929 nützte nund alle fünf Erdteile bereiste. Die erste Reise war im Januar 1964 eine Wallfahrt zu den heiligen Stätten in Israel und Jordanien. Dort fand ein erstes Treffen mit dem orthodoxen Patriarchen Athenagoras statt. Am 7. Dezember 1965 hoben sie den gegenseitigen Bann von 1054 auf. Bedeutend waren auch die Treffen mit dem anglikanischen Erzbischof von Canterbury und mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Von ausserordentlicher Bedeutung war die 1970 eingeführte Mischehenregelung. Das Verhältnis zu den Juden wurde normalisiert und die bereits durch Johannes XXIII. veränderte Karfreitagsfürbitte weiter entschärft. Im Rückblick wird mehr und mehr erkannt, dass Paul VI. viele seiner Vorgänger an Reformeifer übertroffen hat. «Paul VI. – Der vergessene Papst»; unter diesem Titel erschien kürzlich über sein Leben das sehr sachliche Buch von Jörg Ernesti. Prophetisch und heute noch gültig ist die Äusserung Pauls VI. im Jahre 1967: «Die Welt verändert sich schnell, die Kirche auch. Sie darf dieses Mal nicht wieder verspätet sein.»


Franz Näscher, Pfr. i. R.,Kirchagässle 14, Bendern

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