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Leserbrief

Meine Welt, Deine Welt

Amon Marxer,Eschen | 2. Juni 2017

Gleichstellung

Zweiter Teil: Opfer. «Wo steckt der Wurm drin?», fragt eine Autorin im aktuellen «Weiss»-Magazin. Nach der Lektüre des Artikels ist man versucht, ihr einen Blick in den Spiegel zu empfehlen. Die Quelle des Übels wird bereits in Spalte 1 identifiziert; es sind die «rechtsradikalen Tendenzen und Aktionen von männlichen Jugendlichen und Erwachsenen».
Also Männer. Die Opfer findet man im selben Absatz: Frauen. Als Instrument der Unterdrückung sind gleich im Anschluss rechte Regierungen genannt, wobei exemplarisch auf Trumps Amerika verwiesen wird. Man(n) seufzt. Für die Autorin ergeben sich ursächliche Zusammenhänge offenbar automatisch, wenn man Dinge nur kräftig mischt und in kurzer Folge präsentiert. Auch wenn ein roter Faden fehlt, ist aber klar, was gemeint ist: Männer sind der Grund für rechte Regierungen, die dann die Unterdrückung von Frauen zur Folge haben. Also: 42 % der amerikanischen Frauen haben Trump gewählt; das sind prozentual übrigens fast exakt gleich viele wie 2012 und 2008 für den republikanischen Kandidaten gestimmt haben. Bei den Männern lag der Vorteil für Trump bei 53 % (Quelle: pewresearch.org). Von denjenigen Frauen, die nicht befürchten mussten, dass Trump gleich ihre halbe Verwandtschaft deportiert – also von den weissen Frauen – haben ebenfalls 53 % für Trump gestimmt (Quelle: theatlantic.com). Für die Männer war diese Wahl sicher auch keine kognitive Sternstunde, aber wenigstens hat Trump ihnen vorgängig nicht verbal ins Gesicht gespuckt: Wählerinnen wussten, dass Trump sie nur für ein hübsches Stück Hintern hält, dem man ungefragt zwischen die Beine fassen kann (Trump: «And when you’re a star, they let you do it, you can do anything ... grab them by the pussy» z. B. Wikipedia). Wenn man wählen kann, dann sollte man auch seinen Teil der Verantwortung für das Resultat übernehmen, sonst wird man unglaubwürdig. Opfer in einer Überflussgesellschaft zu sein, ist bequem. Nachdenken muss man nicht, denn die Welt ist ganz einfach: Männer sind Täter, Frauen die Opfer.
Verantwortung übernehmen muss man nicht, denn schuld sind immer die anderen. Anstrengen muss man sich nicht, denn man ist ja machtlos gegen das System. Wenn man Frauen dauernd einredet, sie seien Opfer, dann kann man sich nicht gleichzeitig über deren angebliche Mutlosigkeit beklagen.
Ursache. Wirkung. Hat man genug manipulativen Unsinn wie den genannten Artikel gelesen, ignoriert man irgendwann auch die berechtigten Anliegen von Frauen. Ausserdem fördert das Zeigen auf uns Männer nicht gerade unsere Kooperationsbereitschaft. Zur Information: Wir können auch wählen.

Amon Marxer,
Eschen

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