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Leserbrief

Wenn Schule nicht mehr zum Leben passt

Adolf Ritter,Töbeleweg 9, Mauren | 1. Juni 2017

Schule heute

Zugegeben: Wenn Chaos mit Originalität verwechselt wird, ist ein Maturastreich weder fantasie- noch humorvoll. Doch dabei vorschnell mit dem Finger auf die Jugend zu zeigen, sie unter Generalverdacht zu stellen und Kollektivstrafen auszusprechen, ist genauso daneben; eine solche Reaktion ist kontraproduktiv und verstellt die Sicht auf die wahre Problematik.
Die heutige Jugend ist weder aggressiv noch verantwortungslos, faul, aufmüpfig oder unanständig. Im Gegenteil: Sie ist erschreckend angepasst und versucht, die ständig steigenden Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft, der Schule und der Eltern zu erfüllen und den vorgegebenen Fahrplan einzuhalten oder gar zu übertreffen.
Das Resultat dieser Anpassung ist besorgniserregend: Burn-out, Erschöpfungsdepression und Magersucht sind nicht mehr ausschliesslich Teil der Erwachsenenwelt; sie haben längst die Jugendlichen und Kinder erfasst – Tendenz steigend. Würden sie gefragt und würden entsprechende Statistiken geführt, könnten Ärzte und Therapeuten ein Lied davon singen.
Die Schule entwickelt sich zunehmend zu einem Ort, der immer mehr überfordert, der statt auf Individualität, Geborgenheit und soziale Anerkennung auf Anonymität, unreflektierte Leistungserfüllung und kritikloses Funktionieren setzt. Die Schule tendiert zu einem Massen- und Zuliefererbetrieb zu werden, der das Ausleben von Einzigartigkeit verhindert. Für viele Jugendliche ist Schule heute ein Widerspruch zu einem passenden Leben. Dabei wird nicht das System hinterfragt: Wer den Anforderungen nicht genügt und nicht mithalten kann, ist selber schuld, ist ein Verlierer, ein Versager.
«Jeden Tag in dieser Schule funktionieren wir alle wie Roboter, machen alles, was von uns verlangt wird. Es werden Leistungen von uns verlangt, die alles von uns abfordern. Prüfungen um Prüfungen, Referate und stundenlange Hausaufgaben jeden Tag. … Was diese Schule dringend benötigt, ist ein bisschen mehr Toleranz und vor allem auch Menschlichkeit.»
Wenn Schülerinnen und Schüler ihre Befindlichkeit und Kritik auf diese Art beschreiben und öffentlich machen, sollte man hinhören. Es wäre ein geläufiger Fehler, dahinter blosse Aufmüpfigkeit oder gar Frechheit zu vermuten. Es ist ein ernst zu nehmender Blick hinter die Fassade und ein Weckruf für eine bessere Schule. Sich der Kritik zu stellen, statt sich einzuigeln und alles klein- oder schönzureden, wäre ein erster Schritt raus aus der unheilvollen Entwicklung.

Adolf Ritter,
Töbeleweg 9, Mauren

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