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Leserbrief

Mythos bekommt neues Leben

Paul Vogt,Palduinstrasse 74, Balzers | 6. Mai 2017

Russen in Liechtenstein

1996 veröffentlichte Peter Geiger ein Buch «Mit Hitler gegen Stalin». Darin arbeitete er auf 150 Seiten die Geschichte der «Holmston-Armee» anhand der Quellen detailliert auf. Er versuchte auch, damit in Zusammenhang stehende Mythen zu entzaubern. Dass falsche Bilder gepflegt werden, zeigt der Text auf der Gedenktafel in Schellenberg: Dort hätten in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 etwa 500 Personen der 1. Russischen Nationalarmee die Grenze nach Liechtenstein überschritten. «In der Wirtschaft zum Löwen fanden die ersten Verhandlungen statt, die zur Asylgewährung durch das Fürstentum Liechtenstein führten. Als einziger Staat widersetzte sich Liechtenstein damit den sowjetischen Auslieferungsforderungen. Nach zweieinhalb Jahren wurde den Russen die Ausreise in ein Land ihrer Wahl ermöglicht.»
Geiger wies auf vier «Russen-Mythen» hin:
1. Falsche Zahl: Entgegen der ständigen Behauptung, dass 500 Personen vor Stalin gerettet wurden, erhielten nur 134 (27 Prozent) in Liechtenstein vorübergehend Asyl. Von den insgesamt 494 Personen gingen 104 freiwillig in die Sowjetunion zurück, 234 kamen in französische Kriegsgefangenschaft und wurden (vermutlich) in die Sowjetunion heimgeschafft. Die Übrigen waren keine Russen und gingen in ihre Herkunftsländer.
2. Unbedingter Schutz für Asylanten: Liechtenstein habe den internierten Russen unbedingten Schutz gewährt. Geiger dazu: Richtig ist, dass niemand zwangsweise repatriiert wurde, richtig ist aber auch, dass Fürst, Regierung und Landtag zu Beginn «massiven Druck» auf die Russen ausübten, um sie baldmöglichst loszuwerden.
3. Einziger Staat: Liechtenstein habe als einziger Staat gegenüber der Sowjetunion politische Standfestigkeit gezeigt und die zwangsweise Repatriierung verweigert. Geiger stellt richtig, dass sich Liechtenstein an die Politik der Schweiz hielt.
4. Heroisierung des «Generals»: Holmston war – entgegen seines Rufs – kein Held war, sondern «eine umgetriebene Existenz, verloren, tüchtig, anpassend, bei Bedarf skrupellos».
Warum ich das schreibe? Das «Liechtensteiner Volksblatt» kündigt an, dass demnächst ein Buch erscheinen wird mit dem Titel «Wie Fürst Franz Josef II. von und zu Liechtenstein 500 russische Soldaten vor Stalin rettete». Autor ist ein Russe, der in Liechtenstein lebt und «euphorisch, bisweilen blumig» schreibt. Neues bringt er offenbar nicht. Seine wichtigste Quelle ist die Arbeit von Peter Geiger – da frage ich mich, ob der Autor gegen besseres Wissen alte Mythen wiederaufleben lässt? Und: Das Buch ist im Landesmuseum erhältlich, das besondere Beziehungen zu Russland zu pflegen scheint. Vom Museum erwarte ich wissenschaftliche Qualität, nicht nur Marketing. Ist es wirklich seine Aufgabe, totgeglaubte Mythen zu fördern?

Paul Vogt,
Palduinstrasse 74, Balzers

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