Leserbrief

Männerfantasien und Frauenbilder

Anouk Joliat,Dorfstrasse 70, Triesen | 17. März 2017

Schon wieder wird das Bild der zickigen Frauen kultiviert, die selber schuld sind, weil sie ja die Frauen nicht gewählt haben, und sich «intellektuell und charakterlich» disqualifizieren, nur weil sie mit Nachdruck auf die massiven Chancenungleichheiten in diesem Land hinweisen. Da nützt es auch nicht, Fakten der Nachwahlbefragung zu zitieren, nämlich, dass Frauen generell frauenfreundlicher wählen als Männer. Das Thema scheint ja auch Amon Marxer zu interessieren, der in seinen Ausführungen Frauen und Männer auf ihre primären Geschlechtsmerkmale reduziert (sein erwähntes Frauenbild würde mich noch interessieren), und jetzt schon Angst vor seinen «beschnittenen» Rechten hat.
Solange Frauen nicht eingestellt werden, aus Angst vor einer möglichen Schwangerschaft, solange Kinder für einen Betrieb eine Katastrophe sind, weil sie beträchtliche Kosten und Personalaufwand verursachen, solange Mütter nach einem viermonatigen Mutterschaftsurlaub wieder zu 100 Prozent kommen müssen, weil Teilzeit nicht möglich ist (auch beim Vater nicht), solange Mütter den Job künden müssen, weil sie ihr Kind nicht nach vier Monaten vollzeitlich fremdbetreuen lassen wollen, solange Mütter aber trotzdem arbeiten müssen, weil ein Lohn für die Familie nicht reicht («working poor», alleinerziehend), solange Mutterschaft eines der häufigsten Armutsrisiken für alleinstehende Frauen darstellt, solange Frauen eine fünfmal geringere Chance als Männer haben, in ein politisches Amt gewählt zu werden, solange können wir ewig auf gesellschaftliche Veränderung warten!
Schon kommt die nächste Idee: «social egg freezing», das von gewissen Unternehmen angeboten wird. So können Frauen «ungestört» im Betrieb arbeiten, und dann mit 50, unabhängig vom finanziellen Stress, Kinder bekommen. Ist das eine adäquate Lösung des «Vereinbarkeitsproblems»?
Unter diesen heutigen Rahmenbedingungen finde ich es zynisch zu sagen, die Frauen seien selbst schuld, dass sie in Politik und Beruf nicht besser vertreten sind.
Wir stehen nicht vor «nice-to-have – Frauenthemen», sondern vor gros-sen gesellschaftlichen Themen, von denen alle, auch Männer, betroffen sind. Erwerbsarbeit ist wichtig, aber Familienarbeit und Kindererziehung, auch Pflege der eigenen Eltern, gehen beide Elternteile etwas an, und brauchen auch Zeit.
Vorschlag: Ein einjähriger bezahlter Elternschaftsurlaub mit anschlies-sender Möglichkeit zur Teilzeitarbeit für beide Eltern und eine Geschlechterquote für möglichst alle politischen Gremien. Warum ist dies möglich in unseren Nachbarländern (Deutschland, Österreich), und in unserem reichen Land wird das höchstens als «naive Idee» be-lächelt?

Anouk Joliat,
Dorfstrasse 70, Triesen

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