Leserbrief

Internationaler Tag der Frau und «Die göttliche Ordnung»

Frauennetz Liechtenstein | 8. März 2017

Am 8. März

Im Mittelpunkt des Weltfrauentages steht die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Weltweit soll dieser Tag den Fokus auf spezielle Probleme und Themen lenken, die global und auch national von Bedeutung sind. Ein grosses Thema ist die politische Präsenz und dieser vorausgehend sicherlich das Frauenstimmrecht. Diesem ging ein langer Kampf der Frauenbewegung voraus.
?Ein langer Weg: Die Französische Revolution von 1789 wird allgemein als Beginn der Frauenrechtsbewegung angesehen. 1793 wurde die französische Frauenrechtlerin Olympe de Gouges wegen ihres Einsatzes für das Frauenwahlrecht und insbesondere für ihre «Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin» geköpft. Die Frauen in Frankreich haben das Wahlrecht schliesslich 1944 bekommen. Legendär ist auch der Weg der englischen Suffragetten, die 1928 das Wahlrecht erhielten. Als weltweit erstes Land hat Neuseeland 1893 das aktive und 1919 das passive Wahlrecht für Frauen, also das Recht selbst gewählt zu werden, eingeführt. In Europa war es Finnland, das 1906 als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht einführte. Liechtenstein war das letzte europäische Land, welches seiner weiblichen Bevölkerung durch eine Volksabstimmung des männlichen Teils der Bevölkerung erst im dritten Anlauf im Juli 1984 das Stimmrecht zugestand.
?Nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch der Klasse und Rasse: Der heutige Tag soll auch daran erinnern, dass das Wahlrecht nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch eine Frage der Klassen und Rasse war. Der «Commonwealth of Australia» hat 1902 zwar das Frauenwahlrecht teilweise eingeführt, jedoch nur für weisse und nicht für eingeborene Frauen. Auch in Südafrika konnten ab 1930 weisse Frauen gleich wie weisse Männer wählen, schwarze Männer und Frauen waren aber nicht stimmberechtigt. 1776 wurde im US-Bundesstaat New Jersey über die Verfassung das Wahlrecht für alle Personen ab einem gewissen Besitzstand eingeführt. Somit waren zum Beispiel Witwen, jedoch nicht verheiratete Frauen berechtigt zu wählen, da diese nichts besitzen durften.
?Der liechtensteinische Weg: Er war ein langer und beschwerlicher Weg. Den für das Frauenstimmrecht kämpfenden Frauen und Männern wurden viele Steine in den Weg gelegt und sie mussten sich so manche Beschimpfung anhören. In diesem Zusammenhang möchten wir auf den Dokumentarfilm von Isolde Marxer von 2002, «Die andere Hälfte», hinweisen. Dieser Film erzählt vom Kampf für die rechtliche Gleichstellung von Frau und Mann in Liechtenstein und von der gegen zahlreiche Widerstände durchgesetzten Einführung des Frauenstimmrechts.
?Ziel in Sicht: In Liechtenstein wurde mit der politischen Mündigkeit der Frauen begonnen, die Gleichstellung von Frau und Mann zu verwirklichen. Halten wir uns jedoch beispielsweise Lohnungleichheit, stereotype Rollenbilder und das Ergebnis der Landtagswahl 2017 vor Augen, so müssen wir klar sagen: «Am Ziel der Gleichstellung sind wir noch nicht angekommen!» Frauen haben es schwer, in den Landtag gewählt zu werden. 1986 wurde erstmals eine Frau gewählt. 1993 schafften es zwei Frauen; von 1997 bis 2001 gab es nur mehr eine weibliche ordentliche Abgeordnete im Landtag. Bei den Wahlen 2005 und 2009 wurden sechs und 2013 fünf Frauen in den Landtag gewählt. 33 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechtes und fast 20 Jahre nach Einführung der gesetzlichen Gleichstellung wurden vor einem Monat lediglich drei Frauen für die nächsten vier Jahre in den 25-köpfigen Landtag gewählt. Ein klarer Rückschritt in der anscheinend aufgeklärten Zeit, der deutlich die Komplexität der Problematik aufzeigt.
In Zusammenarbeit mit dem Filmclub Liechtenstein wird heute Abend erstmals «Die göttliche Ordnung», der neue, humorvolle, hintergründige Schweizer Kinofilm von Petra Volpe, ausgezeichnet mit dem Schweizer Filmpreis 2017, gezeigt.
Gerne laden wir Sie ein mitzuverfolgen, wie sich die Hausfrau und Mutter Nora 1971 in der Schweizer Provinz für das Frauenstimmrecht einsetzt und sich damit nicht nur Freunde macht, sondern so manchen im Dorf vor den Kopf stösst.

Frauennetz Liechtenstein

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