Leserbrief

Respekt und Wertverschiebung

Auring 57, Vaduz | 19. Dezember 2016

Beim Wort Respekt schwingen alte Tugenden mit. (Ein Begriff, der in unserer Zeit ein müdes Lächeln erntet). «Respektspersonen» waren in meiner Kindheit die Eltern, Pfarrer, Lehrer und Ärzte. Respekt ist ein bisschen mehr als Anerkennung, denn dabei schwingt mit, dass ich bestätige, dass der andere etwas besonders gut kann oder seine Meinung mutig vertritt. Wertschätzung könnte man als Steigerung betrachten. Wir bringen dem Gegenüber Anerkennung und Respekt entgegen, würdigen seine Leistung. Wir verleihen dieser Person Würde und Ehre. In der heutigen Zeit verlieren sich diese Begriffe immer mehr oder finden sich allenfalls im «Berufsprestige» wieder. Da findet man den Arztberuf im Ranking an erster Stelle. Unser Land scheint demzufolge seit Jahren im Ausnahmezustand? Respektlosigkeit ist wie ein schleichendes Gift. Sie hat sich in unserer Gesellschaft festgesetzt. Sie nagt an Autoritäten, die für ein funktionierendes Miteinander stehen. Sie beginnt im Kleinen und kann in Gewalt enden und beginnt schon bei Kindern. Erschreckend, wie die Zahl der verbalen und körperlichen Attacken gestiegen ist. Die sozialen Netzwerke sind voller Rassismus und Gewaltvideos. Da dies längst «Alltag» ist, verändert es auch die Gesellschaft und ihr Wertesystem. In unserem Land ist eine «Neid-, Du- und Kumpaneigesellschaft» gewachsen, die offenbar für Würde, Anstand und Ehre immer weniger Platz vorsieht. Eine materiell eingefärbte Öffentlichkeit, die durch Banken, Treuhand, Bodenpreise und das Finanzsystem schnell reich wurde. Vom Sein zum Haben erzeugt Konkurrenz, Aggressivität, Kälte, Respektlosigkeit und Neid. Der Arztberuf bedingt das längste, jahrzehntelange Studium, emotionale Intelligenz, Allgemeinbildung und höchste Fachkompetenz sowie Verantwortung. Das höchste Gut des Menschen, das Leben, kann buchstäblich in seiner Hand liegen. Das Bewusstsein dafür bekommt jeder spätestens dann, wenn es ihn selbst betrifft. So gesehen gebührt diesem Berufsstand auch heute Würde und Ehre. Es sind dies weder leere Worthülsen noch antiquierte Begriffe. Sie sind im Gegenteil immer bedeutender, wenn teilweise die Politik und einige Einwohner diese Begriffe meinen, aus ihrem Wortschatz und Wertesystem streichen zu müssen. Es ist bedenklich und ein Armutszeichen für das Land, wenn diese ursprüngliche Wertschätzung für den Berufsstand «Arzt» öffentlich «eingefordert» werden muss.
Ruth Schöb,

Auring 57, Vaduz

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