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Leserbrief

Kopfrechnen, ein Problem der Mehrheit

Peter Schoeck, Runkelsstr. 25, Triesen | 11. Oktober 2016

Mindestertragssteuer

Im Verlauf meines Berufs scheiterte ich immer wieder mit Überzeugungsversuchen, weil ich mich bezüglich der Fähigkeit der Mehrheit der Angesprochenen zum Kopf-rechnen Illusionen hingab. Wie steht es damit in Liechtenstein? Ein Beispiel: Im Zug der Diskussionen zur Minderung der angeblichen Gefährlichkeit der Mobilfunkstrahlung wurde im Liechtensteiner Landtag ernstlich erwogen, die Feldstärke von Mobilfunksendern, deren europäische Norm 60 Volt/m betrug, auf 0,6 Volt/m, also um einen Faktor 100, herabzusetzen. Nun wächst aber bekanntlich die Stärke elektromagnetischer Strahlung mit dem Quadrat der Feldstärke, also im vorliegenden Fall mit 1002 = 10 000. Der Landtag hätte deshalb das beabsichtigte Gesetz mit einer Warnung vor Auslandreisen verbinden müssen, denn bei einem Tag Aufenthalt ausserhalb des Landes hätte jeder Liechtensteiner so viel Strahlung empfangen wie zu Hause in 30 Jahren. So eine einfache Kopfrechnung!
Das Problem, dass Volksvertreter offenbar mit dem Kopfrechnen haben, zeigte sich erneut bei den Diskussionen im Landtag um die Festlegung der Mindestertragssteuer von Gesellschaften. Diese wurde, unabhängig vom Vermögen, auf 1800 Franken festgesetzt. Dabei hätte eine einfache Kopfrechnung den Abgeordneten Folgendes vor Augen geführt: Eine Steuer von 1800 Franken entspricht bei einem Steuersatz von 12,5 Prozent einem Gewinn von 1800/0,125 = 14 400 Franken. Nun lag aber das Mindestkapital von Gesellschaften bei 30 000 Franken. Damit wurde – und auch dies folgt aus einer einfachen Kopfrechnung – eine Rendite von 14 400/30 000 = 48 Prozent angenommen, ein völlig illusorischer Wert. Selbst bei einem Vermögen von 100 000 Franken wäre die Rendite mit 14,4 Prozent im Reich der Phantasie gelegen.
Offenbar erkannte ein des Kopfrechnens mächtiger Vertreter der Regierung diesen Unsinn und quittierte ihn mit dem Hinweis: «Dann muss eben das Eigenkapital erhöht werden.» Dies ruft in Erinnerung, was Marie Antoinette 1789 beim Sturm auf die Bastille gesagt haben soll: «Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen.»
Aber vielleicht mangelt es mir an Toleranz und ich sollte, um mit einem Zitat aus Schillers «Wilhelm Tell» zu sprechen, von der «Milch der frommen Denkungsart» einen kräftigen Schluck nehmen und mir, wenn auch als überzeugter Demokrat nur widerwillig, zu eigen machen, was Schiller 1805 im Drama «Demetrius» aussprach: «Was ist die Mehrheit. Mehrheit ist Unsinn. Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.» Ich gebe mich immer noch der Überzeugung hin, dass dies auf den Liechtensteiner Landtag nicht zutrifft, auch wenn es gegenwärtig so den Anschein hat.

Peter Schoeck, Runkelsstr. 25, Triesen

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