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Leserbrief

Viele blinde Flecken

Josef Köck, Augasse 6, Satteins | 23. September 2016

Schule und Mobbing

Der Artikel im «Volksblatt» am Dienstag zu Mobbing an Liechtensteins Schulen hat bei mir ziemliches Unbehagen und offene Fragen ausgelöst. In diesem Zusammenhang habe ich vom Tod der Schülerin des Gymi in Vaduz gehört und daran gedanklich grossen Anteil genommen. Meine Töchter sind in diesem Alter. Dass im Gymi gemobbt wurde, wurde mir im vergangenen Jahr in einem Fall bekannt, so fragte ich mich besonders, wie nun dort das Problem gesehen und behandelt wird. Ich vermisste in dem Artikel Fragen nach dem vorhandenen Konzept gegen Mobbing und Fragen nach Vorgangsweisen, die von Seiten der Schule gemacht werden. Wie offen und aktiv, wie gezielt gehen die Verantwortlichen an das Thema heran? Wie erleichtert man Schülern, sich artikulieren zu können? Und wie gedenkt man Mobbingopfer zu schützen und zu helfen, wenn klar ist, dass es Mobbing gab? Die unsensible, tendenziöse Überschrift und der inhaltliche Diskurs liessen mich leider den Eindruck gewinnen, dass man im Verhalten der Mobbing­opfer die Veranlassung für Mobbing sieht und sie neuerlich zum Opfer macht. Jede Person hat ihre Eigenheiten und Besonderheiten im Auge des anderen. «Andersartigkeit» als Beschreibung und als Arbeitsansatz für Mobbingopfer zu verwenden, und diese innere Dynamik herauszuheben, ist völlig ungeeignet und wird der Sache sicher nicht gerecht. Dann wunderte ich mich über das Unverständnis gegenüber Eltern, die ihre Kinder vor Mobbern zu schützen versuchen. Ja, doch müssen? Kann es sein, dass diese sich von der Schule nicht ausreichend unterstützt, geschützt fühlen? Ich vermisste insbesondere die Feststellung, dass es sich bei Mobbing um Psychoterror und Machtmissbrauch von Schülern und Schülerinnen handelt, die systematisch und fortwährend Ausgrenzung und Erniedrigung eines Mitschülers betreiben. Mobber(innen) setzen dabei bewusste böswillige Handlungen, die das Ziel haben, eine(n) Mitschüler(in) «fertig»-zumachen. «Man kann Menschen in den Selbstmord treiben, ohne vor dem Gesetz schuldig zu sein», sagt Reinhard Haller. Zu trauriger Realität geworden? Was ich vergeblich suchte: Dass vonseiten der Schule nebst obigem realisiert wurde, dass Schüler(innen) als Täter(innen) massive Probleme und Fehlverhalten haben, die in jedem einzelnen Fall zu erörtern und gut aufzuarbeiten sind. Da mag es nicht verwundern, dass Problematik und Problemaufarbeitung der Mobber(innen) aussen vor bleibt, wie im Fall, von dem ich hörte. Viele blinde Flecken..

Josef Köck, Augasse 6, Satteins

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