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Leserbrief

«Christliches» Gedankengut?

Ruth Schöb,Auring 57, Vaduz | 4. Juli 2016

Flüchtlingselend

Ja, er sei ein Populist, sagt Ungarns Regierungschef Victor Orbán von sich. «Natürlich gibt man es nicht gerne zu, aber es ist eine Tatsache, dass alle Terroristen letztlich Migranten sind», sagt Viktor Orbán. («Welt», 24. November 2015) Viktor Orbán zerstört Ungarns Demokratie systematisch. Schritt für Schritt schränkt er Freiheitsrechte ein, während die demokratische Opposition sich selbst zerfleischt. Und die EU schaut tatenlos zu, wie ihr Mitgliedsland abdriftet. Der linke Budapester Philosoph Gáspár Miklós Tamás, einer der brillantesten Denker in Mittelosteuropa, sagt, der Charakter der Orbán-Regierung werde vielfach verkannt – sie sei in Wirklichkeit «autoritär, chauvinistisch, xenophob und rechtsextrem». Es war kein Geringerer als US-Präsident Barack Obama, der sich zu den Razzien gegen die Budapester NGOs äusserte. Er nannte Ungarns Umgang mit NGO-Mitarbeitern als Negativbeispiel in einer Reihe mit China, Russland und Aserbaidschan. «Von Ungarn bis Ägypten ist die Zivilgesellschaft zunehmend Ziel von endlosen Vorschriften und offener Einschüchterung», sagte er. Kurz darauf verhängte die US-Regierung Einreiseverbote gegen sechs hochrangige ungarische Beamte und Unternehmer wegen des Verdachts der Korruption – eine für ein EU-Land beispiellose Massnahme. («Cicero») Urs Kindle bezeichnet Viktor Orbán als «christlich» (christlich gemäss Duden: der Lehre Christi entsprechend) und die im Leserbrief vom 30. Juni 2016 («Wie viele unserer Asylanten sind verfolgte Christen») zitierte Rede von Orbán in Budapest, nennt er hervorragend. Auf der Homepage (Energiearbeit, Hypnose, Lebensberatung) von U. Kindle steht: «Er ist Katholik, gehört zu 100 Prozent keiner Sekte an, es wird niemandem irgendein Glaube aufgedrängt, Motto: jedem seinen freien Willen, jedem seine Glaubensüberzeugung.») Weltweit sind fast 60 Millionen Menschen auf der Flucht – so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Sie fliehen vor Bürgerkriegen, Verfolgung, aus bitterer Armut. Viele setzen ihr Leben aufs Spiel. Bis Ende Mai 2016 sind mindestens 2499 Erwachsene und Kinder vor den Toren Europas jämmerlich im Mittelmeer ertrunken. Religion, Ethnie, ausgenommen radikal-geligiöse Fundamentalisten, IS-Sympathisanten, dürfen per se kein Ausschlusskriterium für Immigration nach Europa sein. Islamfeindlichkeit, klassischer Rassismus und Antisemitismus sind europaweit wiederum auf eklatant bedrohlichem Vormarsch.

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

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