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Leserbrief

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Vorstand des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein | 4. Juni 2016

«Madleni-Hus»

Gedanken zum «Madleni-Hus» in Triesenberg.
Baudenkmäler stehen immer wieder im Zentrum von Konflikten zwischen Beteiligten mit unterschiedlichen Interessen, mit unterschiedlichen denkmalpflegerischen, wirtschaftlichen und raumplanerischen Standpunkten. Über das Schicksal des zentral im Triesenberger Ortsteil Jonaboda gelegenen und in Gemeindebesitz befindlichen Madleni-Hauses sollen nun die Triesenberger Stimmbürgerinnen und Stimmbürger entscheiden. Wird das sanierungsbedürftige Gebäude im Interesse einer künftigen Entwicklung des Ortskerns abgebrochen oder als eines der letzten Zeugnisse einstiger Baukultur in Triesenberg saniert und genutzt? Es geht um einen Entscheid, ob dieses einzigartige Kulturgut der Walsergemeinde im Baurecht zur Renovation und Nutzung an den Verein Ahnenforschung und Familienchronik übergeben werden soll oder nicht.
Die unterschiedlichen Meinungen in der Gemeinde spiegeln ein variantenreiches Bild des Umgangs mit Kulturgut wider: Die Gemeinde habe bereits einige alte Liegenschaften, welche die Lebensweise der Walser veranschaulichen, wie die Häuser im Prufatscheng oder das Museum im Hag. Anders: Das Madleni-Haus gehöre zum Berg. Eine Walsergemeinde dürfe doch etwas Vergangenheit zeigen. Stichworte wie Zentrumsentwicklung in Triesenberg mit Nahversorgung, Wohnen im Alter, Parkierung etc. fallen wie auch der Ruf nach einer Unterschutzstellung des Gebäudes.
Seit der Gründung des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein im Jahr 1901 setzt sich dieser für den Schutz des kulturellen Erbes ein. Der Verein möchte darum einen Input zur Sachlage liefern, nicht aber zu den Abläufen in der Gemeindepolitik, da parteipolitisch neutral. Siedlungen und Gesellschaft befinden sich heute in einem starken Struktur- und Wertewandel. Der Verlust an Kulturlandschaft ist gross. Gelungene Beispiele von Sanierungen und Neunutzungen wie das Kulturhaus Rössle Mauren bestätigen jedoch, dass sich der Aufwand lohnt. Auch das Madleni-Haus ist es wert!
Dem nach der letzten Bewohnerin Magdalena Schädler benannten Objekt kommt innerhalb der Triesenberger Baukultur als Beispiel für die Baukunst des 19. Jahrhunderts und der Bautätigkeit der Familie Schlegel eine besondere Bedeutung zu. Das Haus wurde 1803 für Franz Josef Schlegel und Gattin Anna Maria Seelin als Mehrzweck-Bauernhaus in traditioneller Strickbautechnik errichtet. Nach 1891 erfuhr das Gebäude durch den eingeheirateten Heimsticker Franz Schädler diverse Modernisierungen und im Jahr 1896 den Einbau eines Sticklokals im Erdgeschoss des Ökonomieteils. Mit dem Sticklokal hat sich ein seltenes Beispiel der damals wirtschaftlich wichtigen Heim- und Stickarbeit erhalten. Hier könnte eine kürzlich angekaufte Stickmaschine aufgestellt werden. Zur Innenausstattung des Hauses gehören interessante Tapeten des 19. Jahrhunderts. Bruder Alois Schlegel erstellte 1820 das benachbarte Wohnhaus, heute Schlossstrasse 12, ebenfalls ein Zeugnis der bescheidenen Lebensart der Bewohner des Triesenbergs bis ins 20. Jahrhundert.
Der Historische Verein befürwortet die Variante, dem Verein Ahnenforschung und Familienchronik Triesenberg das Baurecht zur Renovation des Madleni Hus’ mit seiner regionaltypischen Geschichte und zur späteren Vermietung als Ferienhaus in Zusammenarbeit mit der Stiftung «Ferien im Baudenkmal» zu erteilen. Diese grossartige Stiftung wurde 2005 vom Schweizer Heimatschutz gegründet. Deren Ziel ist es, bedrohte Baudenkmäler zu übernehmen, zu renovieren und als Ferienwohnungen zu vermieten. Die Verbindung von Denkmalpflege und Tourismus erzielt einen doppelten Gewinn: Leerstehende und vom Verfall bedrohte Baudenkmäler erhalten eine neue Zukunft, die Feriengäste erleben einen Aufenthalt in einem aussergewöhnlichen Gebäude und werden für Baukultur sensibilisiert. Warum nicht auch in Liechtenstein? Triesenberg könnte eine Vorreiterrolle übernehmen.

Vorstand des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein

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