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Leserbrief

«Das Legat der Spionage»

Víctor Arévalo, Univ. Prof. Dr. iur.,Auring 56, Vaduz | 28. September 2017

Krönung einer Trilogie

Zurück von den Ferien brachte mir eine Nachbarin als Geschenk ein Buch mit, das John Le Carré (JLC) in der Royal Festival Hall in London am 7. September 2017 als «A Legacy of Spies» vorstellte. Der Fachjournalismus jubelte das Buch epochal hoch. Gestern abends habe ich es fertig gelesen. Es ist ohnehin die Krönung einer Trilogie der besten Werke von JLC. «Der Spion, der aus der Kälte kam» (1963) und «Dame, König, As, Spion» (1974) gingen ihm voraus. Damit beweist JLC, dass ein Schriftsteller, 86 Jahre alt, sein ganzes Werk übertreffen und dessen Gesamtsinn als Lichtstrahl auf einen einzigen Zeitpunkt, die Gegenwart, fokussieren kann. «Das Legat der Spionage» hellt dem Lesepublikum drei Szenarien zu verschiedenen Zeiten wechselwirksam vergleichend auf. Ausgehend vom Zenit des Kalten Kriegs führt uns das Buch über den Zusammenbruch der Sowjetunion hindurch zum Kollaps der Freien Welt bis in die Gegenwart hinein.
In einem «Letter From Pyongyang, On the Brink» schärft «The New Yorker» am 18. September ein: «Nordkorea hat zwischen 20 und 60 Atomköpfen und Interkontinentalraketen mit einer Reichweite bis Chicago.» Vor der UNO-Vollversammlung sagt Trump: «Wir haben keine andere Wahl, als Nordkorea total zu zerstören.» Darauf repliziert Kim Jong-un: «Ein ängstlicher Hund bellt lauter.» Wer gewinnt, wenn eine Wasserstoffbombe Los Angeles trifft oder Pyongyang ausgelöscht wird? Verlieren alle alles? Wohl kaum! «A Legacy of Spies» lässt eine Antwort auf diese Fragen erschliessen.
Beim Genre des Buches handelt es sich nicht um Fiktion, wie sein Review «George Smiley returns. Really?» in «The Economist» vom 7. September aufklärt, sondern um Zeitgeschichte, die sich als fiktiv vorstellt, um die Fiktionen der politischen Korrektheit auszuklammern. Diskussionen entbrennen jedoch schon jetzt. Warum beginnt das Werk ein Leitspruch, den JLC Martin Heidegger zurechnet, aber ihm nicht gehört? Endet das Werk in Freiburg, wobei sich George Smiley zum Brexit hämisch äussert?
Schliesst Peter Guillam das Manus­kript 2017 in einem Bauernhaus bei Les Deux Eglise an der Küste der Bretagne ab? Wird noch ein neues Buch die Erzählung fortsetzen?
In Liechtenstein hat JLC zahlreiche Fans. Die deutschen Übersetzungen seiner Werke sind alle in der Landesbibliothek. Um sich auf das «Legat der Spionage» vorzubereiten, können die Fans «Der Spion, der aus der Kälte kam» nochmals lesen. Die Übersetzung des neuen Buches wird nicht lange auf sich warten lassen.

Víctor Arévalo, Univ. Prof. Dr. iur.,
Auring 56, Vaduz

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