Leserbrief

Die Renaissance der Tobelhocker

Harald Bühler,Alemannenstrasse 25, Eschen | 25. April 2016

Finanzwesen

Da meldet die FMA kürzlich eine Neuauflage des Denunziantentums in Liechtenstein – und weil sich keiner getraut, das Wort Denunziant in den Mund zu nehmen, nennt man es neudeutsch «Whistleblower», was mit «Hinweisgeber» übersetzt wird, oder in direkter Wort-zu-Wort-Übersetzung «Pfeifenbläser» bedeutet (tönt aber irgendwie pornografisch).
Die Whistleblowerei, zu Deutsch das Denunziantentum, hat in Europa lange Tradition. Während der Hexenzeit haben sich die Denunzianten gemeinsam mit der Behörde und dem Klerus am Vermögen der Denunzierten bereichert. Später wurden aus diesen Denunzianten die Tobelhocker und sie waren ins Lawenatobel verbannt. Während der Hitler-Zeit wurde das Denunziantentum insbesondere in Deutschland und Österreich staatlich gefördert. Es bescherte den damaligen Whistleblowern Anteile am Vermögen der denunzierten Juden und Judenfreunde und brachte «Nachschub» für die Konzentrationslager.
Heute beschert uns die EU, vertreten durch ihre braven Diener bei der FMA, nach Hexenwahn und Naziwahn eine dritte Runde von Denunziantentum. Das Geschäftsmodell von Heinrich Kieber wird salonfähig – stellt sich nur die Frage, wann sie den «visionären Henry» noch mit einem Orden dekorieren.
Unklar bleibt, ob das Vorgehen verfassungskonform ist. Da nur explizit zur Denunziation im Wirtschaftszweig der Finanzindustrie aufgerufen wird, verstösst das Ganze möglicherweise gegen den Gleichheitsgrundsatz. Denn wie ist es mit staatlich gefördeter Denunziation in der Industrie – zum Beispiel beim Abgasbeschiss der deutschen Autoindustrie, in der chemischen Industrie, beim Maschinenbau, bei der Lebensmittelindustrie, im Medizinbereich? Die FMA bedauert, dass die Informationen derzeit den Medien zugespielt werden und nicht der Behörde. Das gilt genauso gut für andere Bereiche. Kann es daran liegen, dass die Medien besser bezahlen?
Auf jeden Fall kann man davon ausgehen, dass das Lawenatobel in Zukunft wieder Zuwachs erhält. Die neuen Tobel-Bewohner, die Whistleblower, sitzen dann mit Laptop und WLAN an den Steintischen und anstelle «wundersames klagendes Geigenspiel» (1) wird man aus dem Tobel in stürmischen Nächten den Ton von Trillerpfeifen (englisch: Whistle) hören und anstatt Tobelhocker wird man sie dann zeitgemäss und neudeutsch «Canyonsquatters» nennen.
(1) Hist. Jahrbuch, Band 113, Seite 52

Harald Bühler,
Alemannenstrasse 25, Eschen

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