Leserbrief

Wer ist inkompetent?

Pepo Frick, Präsident der Freien Liste | 16. April 2016

Höhe von Löhnen

In Liechtenstein haben Arbeitskräfte in der Industrie mit Gesamtarbeitsverträgen als untersten Mindestlohn gerade mal 3250 Franken, wie in der vergangenen Landtagssitzung festgestellt wurde. Dieser Niedrigstlohn wird momentan wegen des starken Frankens von einigen Unternehmen ausgereizt.
Die Kaderlöhne sind in den letzten Jahren gemäss Aussage eines Verwaltungsrates eines hiesigen Industrieunternehmens «wie überall» auch in seinem Betrieb stärker angestiegen als die Tieflöhne. «Wie überall»? Diese Aussage trifft auf die Schweiz, mit der Liechtenstein den Wirtschaftsraum teilt, nicht zu. Nachdem sich die Schere zwischen tiefen und hohen Löhnen zwischen 1990 bis 2014 immer mehr geöffnet hat, kam es im vergangenen Jahr zu einer Wende. Die Tieflöhne sind leicht angestiegen, die Kaderlöhne leicht gesunken. Als Ursache werden die landesweiten Lohndiskussionen und die gesellschaftliche Empörung, die in die Abzocker-Initiative und die 1:12-Initiative mündeten, gesehen. Die Mindestlöhne im Gastgewerbe, die als Niedriglohn-Branche bekannt ist, wurden auf Druck der Gewerkschaften in der Schweiz auf 3400 Franken angehoben. Jobs sind deshalb kaum weggefallen, wie Arbeitgeberverbände gerne zuvor prophezeit hatten.
Ein Professor der «London School of Economics» sagt, dass Arbeitgeber gerade im Niedriglohnsektor über grosse Marktmacht verfügen – diese erlaube es ihnen, die Löhne weit unter das Produktivitätsniveau zu drücken. Faire staatliche Lohnuntergrenzen erhöhten dagegen die Einkommen von Geringqualifizierten, ohne dass Arbeitsplätze verloren gehen.
Märkte sind aber komplex und es werden sich auch Ökonomen finden lassen, die glauben, dass die Anhebung von Tiefstlöhnen unmittelbar zum Verlust von Arbeitsplätzen führen wird.
Fakt ist aber, dass bisher keine Krise in Liechtenstein zu einer grösseren Abwanderung von Arbeitsplätzen geführt hat. Liechtenstein hat mehr Arbeitsplätze denn je, die Arbeitslosenzahlen sind konstant niedrig. Die Vermögen der reichsten Unternehmer haben sich trotz Krisen kontinuierlich erhöht. Dennoch wird jeder, der es wagt, sich gegen versteckte Lohnkürzungen im Niedriglohnbereich auszusprechen, als wirtschaftlich inkompetent dargestellt, wie dies gerade im Landtag passiert ist. Wer faire Löhne fordert und sich gegen Lohnexperimente bei Niedrigeinkommen stellt, wird gar als «Serienkiller für Arbeitsplätze» bezeichnet.
Neoliberalen Politikern war schon die «Einmischung des Staates» bei heute unbestrittenen Errungenschaften wie der AHV, der 48-Stunden-Woche oder der Offenlegung von Steuerdaten mit der Weissgeldstrategie zu viel. Die Wirtschaft und somit die Arbeitsplätze müssten in den letzten 60 Jahren schon ein paar Mal komplett zusammengebrochen sein, hätten sie recht behalten. Die Liste solcher Irrtümer ist lang. Aber noch immer wird mit solchen Szenarien Politik gemacht. Ich beobachte mit Sorge, dass sich Politiker von Arbeitgebern instrumentalisieren und als Sprachrohr für Drohungen benutzen lassen.

Pepo Frick, Präsident der Freien Liste

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Volksblatt Werbung