Leserbrief

Nachholbedarf in Forschungspolitik

Jürgen Schremser,Vaduz/Wien | 27. Juni 2017

Liechtenstein-Institut

Die Behauptung des Leserbriefautors Walter-Bruno Wohlwend (WBW), er «fürchte», dass es kaum jemand merken würde, wenn es das Liechtenstein-Institut nicht mehr gäbe, ist eine Krokodilsträne für ein Institut, das spätestens seit der Verfassungsdiskussion bei einem Teil des Publikums unbeliebt wurde. Dennoch wirft der Autor Fragen auf, zu denen sich «männiglich» eine eingehende Diskussion wünschen sollte. Auch bezüglich der Adressaten staatlicher Beiträge für wissenschaftliche Forschung im Kleinstaat. «Warum», fragt WBW, sei «das Liechtenstein-Institut eigentlich nicht schon längst in die Universität Liechtenstein integriert worden»? Dorthin fliesst der Grossteil der öffentlichen Wissenschaftsförderung. Als in Österreich 2010 die staatliche Förderung ausseruniversitärer Forschungseinrichtungen eingestellt wurde, kam es u. a. zur Eingliederung solcher Institute in universitäre Strukturen. Die Voraussetzungen für solche Schritte sind in Liechtenstein denkbar ungünstig und das liegt nicht an der Betriebsführung des Liechtenstein-Instituts, das sich nicht nur über öffentliche, sondern zu einem nennenswerten Anteil auch über private Mittel und Eigenerträge finanziert. Das Problem ist vielmehr die völlige Abwesenheit einer staatlichen Wissenschafts- und Forschungspolitik, in der die Ziele, Strategien und Anteile eines öffentlichen Einsatzes für Forschungsförderung dargelegt und publik gemacht werden. Den Umfang staatlicher Forschungs- und Universitätsbeiträge in Liechtenstein bezifferte der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger im Jahr 2006 mit 9,5 Millionen Franken oder kümmerlichen 2,5 Prozent der von Industrieunternehmen investierten Mittel für anwendungsorientierte Forschung. Demgegenüber liege der durchschnittliche Staatsanteil an Forschungsausgaben in der EU bei über 34 Prozent. Hier besteht in Liechtenstein also generell Nachholbedarf, wenn man denn nicht nur von Forschungsfrüchten anderer profitieren, sondern seinerseits produktiv werden will. Darüber, was wissenschaftliche (Grundlagen-) Forschung am Standort Liechtenstein und im Rahmen einer globalen Wissensgesellschaft leisten kann, ist im politischen Diskurs zunächst Klarheit zu schaffen, um entsprechend relevante Mittel bereitzustellen. Dann können auch gut oder übel gemeinte Zurufe zur Einstellung oder Fusion von Forschungseinrichtungen zielführend diskutiert werden.

Jürgen Schremser,
Vaduz/Wien

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