Leserbrief

Erste Hilfe in psychischen Stresssituationen

Brigit Jerg,Im Pardiel 16, 9494 Schaan | 27. November 2017

«Volksblatt» vom 18.11.17

Als psychologische Psychotherapeutin habe ich erstaunt zur Kenntnis genommen, dass meine Berufsgruppe im erwähnten Artikel überhaupt nicht vorkommt, obwohl wir einen Gutteil der Nachfrage nach Psychotherapie im Land abdecken. Es mutet seltsam an, wenn eine Unterversorgung auch im Bereich der Psychotherapie beklagt wird, man deren Hauptanbieter dann aber aus­sen vor lässt. Dass Psychiater, die schwergewichtig die sozialpsychiatrische Versorgung sicherstellen, für ungeplante Kriseninterventionen in ihrem eng strukturierten Terminkalender kaum Zeitlücken haben, kann man nachvollziehen. Sozialpsychiatrie arbeitet in der Regel mit engen Kadenzen, da kann eine unvorhergesehene Krisenintervention tatsächlich den ganzen Tagesablauf durcheinanderwerfen, weil sich die regulären Patienten dann im Wartezimmer stauen. Auch wenn natürlich nicht jedes Erstgespräch 90 Minuten dauert, versteht man das Problem. Im Bereich der Sozialpsychiatrie.
Was ich aber nicht verstehe, sind Herrn Rüdissers Aussagen zur Psychotherapie: Wir Psychologen bieten ausschliesslich Psychotherapie an und haben daher grundsätzlich eine andere Terminierung. Ausser in Ausnahmefällen reservieren wir für jeden Patienten und jede Sitzung a priori eine Stunde, und haben daher auch andere Zeitfenster offen, wenn jemand absagt oder ausfällt. Sogar wenn man für eine wirklich akute Krise Platz freischaufeln muss, muss nur ein einziger Patient eine Terminverschiebung hinnehmen. Umso erstaunlicher mutet deshalb die Aussage an, nicht selten müssten Patienten aufgrund von Engpässen bei den Psychiatern direkt an psychiatrische Kliniken überwiesen werden. Eine Klinikeinweisung ist für Betroffene immer eine einschneidende Erfahrung und sollte ultima ratio sein. Manchmal lässt der psychische Zustand oder die soziale Situation tatsächlich keine andere Wahl, aber eine Klinikeinweisung, weil der Psychiater keine Zeit hat? Weshalb nutzt man dann zuvor nicht das bestehende Angebot? Nicht jede Krisenintervention braucht Medikation, und mit Suizidalität müssen alle psychotherapeutisch Ausgebildeten umgehen können. Was Menschen in akuten Krisen in der Regel brauchen, ist ein offenes Ohr und genügend Zeit. Hier leistet das KIT wichtige Arbeit, und wenn eine Fortführung nötig und gewünscht ist, können psychologische Psychotherapeuten genauso in Anspruch genommen werden wie praktizierende Psychiater.

Brigit Jerg,
Im Pardiel 16, 9494 Schaan

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