Leserbrief

Menschenrecht ist auch Menschenpflicht

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 23. November 2017

Vorladung nach Art. 238

Am Samstag, den 4. November, um 9 Uhr klingelt mein Handy. Polizei, ein Herr Soundso fragt, wo er mich erreichen könne, denn er müsse mir ein wichtiges gerichtliches Dokument gegen Unterschrift übergeben. Schon eine halbe Stunde später standen zwei Mann in Uniform, bewaffnet mit Revolvern, vor mir und übergaben.
Inhalt: Vorladung nach Art 238 abgefasst am 31. Okt. Allerheiligen abgezogen, gerade einmal 1,5 Tage alt. Demnach ein sehr dringendes Schreiben. Thema: Äusserungen «zu» Homosexualität in Leserbriefen im Zeitraum vom 18. Juli 17. August 2017. Also nicht gegen, sondern «zu» Homosexualität.
Nach der scholastischen Begriffstüftelei und Wortklaubereibefragung, die an den Schwellen des Bewusstseins und der Sinnestäuschung herumtorkelte, kam dann folgende Erkenntnis über mich:
Wenn du den Homosexuellen anzweifelst, der äussert, dass du unterintelligent und bildungsfern bist, weil du bei Darwin Ungereimtes erkennst, dann hast du vor dem Fürstlichen Landgericht in Vaduz zu erscheinen.
Wenn du zweifelst, ob ein Homosexueller recht hat, weil er in Unkenntnis der Geschichte schreibt, dass die Römer alle schwul waren, darum unsere Gesellschaft es auch sein dürfe, dann hast du ebendort oben anzutreten.
Wenn du zu dumm bist zu begreifen, dass ein Homosexueller sagen darf, dass nicht die Schwulen, sondern die Gesellschaft krank ist, du aber das Gegenteil nicht einmal denken darfst, kümmert sich umgehend das Fürstliche Landgericht um dich.
Wenn du es wagst zu schreiben, dass Schwule aus Geschichte und Fortpflanzungsethik nicht einfach die Realität ummünzen können, um für ihre Zwecke nützlich zu sein, stehen ratzfatz die Revolvermänner vor dir.
Wenn du Zweifel an der Logik hegst, dass wenn Tiere schwul sind, es deshalb dem Menschen auch anstehen würde, ist ein Sühnegang in die Fürstliche Meinungsumbildungsanstalt in Vaduz fällig.
Deshalb mein lieber Fürst dort oben auf dem Schloss, Durchlaucht: Haben Sie keine Sorge, dass Ihre Untertanen nicht mehr untertänig und unterwürfig genug sein könnten, denn die tun sich fleissig und denunziergeil gegenseitig schon selber unter. Und die Besserungsanstalt «Fürstliches Landgericht» hilft gierig und beflissen, eine freie oder gar eine eigene Meinung der Untertanen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Aber: Auch das Menschenrecht verleiht nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Und ob sich ein Staat einen Gefallen tut, wenn er einen Kniefall vor mit Rechten behängten Schaufensterpuppen macht, bleibe fraglich.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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