Leserbrief

Die gütige Hand?

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 30. Juni 2015

Brunharts Prognose

Es ist dem Liechtensteiner von alters her eigen, lieber nur nach vorne zu schauen und ja nicht nach hinten. Das kommt daher, weil wir kein Kriegsvolk sind. Nicht einmal theoretisch. Niemals mussten wir in den Kampf ziehen. Niemals mussten wir nach den Schlachten unsere Toten zählen und beweinen. Noch niemals musste der Gnadgott unsere, dem Tode geweihten Verwundeten mit seinem Dolch, dem Gnadengeber, erlösen. Niemals noch mussten wir uns Gedanken machen, die Reihen der Gefallenen wieder neu zu zeugen, um sie mit neuen Kämpfern aufzufüllen. Diese Erfahrung, die wir nicht gemacht haben, beraubt uns heute jedoch der Heldenfriedhöfe und Heldendenkmäler, die wir doch auch gerne hätten.
Ausser einmal, da waren wir sehr nahe dran an Ruhm und Ehr. Um das Jahr 1868, als unsere stolze Armee, die wir uns schon damals nicht leisten konnten, siegeslüstern in den Krieg zog. Aber damals war der Gnadgott nicht sehr beschäftigt, denn dem Tode Geweihte gab es keine. Nur ein Gefangener. Weil sich dieser Galöri aber nur verlaufen hatte, war für uns daraus auch kein Ruhm abzuzweigen. Und auch nicht, wie uns in den 80er-Jahren die Schweiz mit Raketen abzuschies­sen versuchte und das halbe Land in Brand steckte und dann im 2007 auch noch mit 300 Galörisoldaten einmarschierte. Da wir also zu grossen Schlachten weder fähig noch mannstark genug sind, begnügen wir uns mit der leichteren Form der Schlacht – dem Schlachtruf und dem Trommelwirbel. Das ist einfach und kostet nicht viel.
Was haben wir nur für ein Feldgeschrei abgehalten, als es galt, den Staatsangestellten die Pensionen zu retten und gleichzeitig die S-Bahn rollen zu sehen. Da ging es ja wie bei einer richtigen Schlacht zu und her. Sieg und Niederlage auf Leben und Tod. Und nur keine dem Tode geweihten Verwundeten hinterlassen, denn der Gnadgott wäre dann ja ein Staatsangestellter gewesen.
Doch nun ist Schluss mit der blutlosen Schlacht. Das Liechtenstein-Institut ortet ein sinkendes BIP, Löhne, Wohlstand und Wirtschaft und malt düstere Prognosen an die Fahnen. Nun kommt zutage, dass wir schlecht gerüstet waren und unsere Krieger ihr Handwerk doch nicht gut beherrschen. Nun werden unsere Mütter doch noch Gelegenheit haben, ihre Söhne zu beweinen, die dort liegen auf dem Schlachtfeld des ewigen Fortschritts, den wir uns erkämpfen wollten. Da liegen sie nun, die Ausgebrannten, von Burnout Ausgemergelten mit den Narben des Mammons übersäten Verwundeten, wartend auf die gütige, bald wieder nährende Alma Mater.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter
Liechtensteiner Volksblatt AG
© 2018, Alle Rechte vorbehalten.