Leserbrief

Bald Zweiklassenmedizin wie in unseren Nachbarländern, Teil 2

Ruth Schöb,Auring 57, Vaduz | 9. Juni 2015

OKP-Verträge

Da in Liechtenstein die Schere zwischen Arm und Reich immer schneller und weiter auseinandergeht, der Mittelstand mittlerweile immer mehr abrutscht, sind diese Szenarien gar nicht so utopisch, wie man vielleicht unbedarft annehmen würde. Das könnte sich mit der neuen KVG-Revision schnell ändern und in eine gefährliche Richtung führen. In früheren Zeiten führte das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich irgendwann immer zu einer Revolution. Früher oder später steht das Volk auf … Mehr Solidarität ist allein deshalb ein Muss. Die KVG-Revision schont die jungen, gesunden und finanziell bessergestellten Personen und bestraft alte und kranke Patienten. («Polit Zeit»)
Die Freie Liste hat dies erkannt und beantragt den Staatsbeitrag (die Staatskassen sind voll) um 9 Millionen zu erhöhen, was die Prämie pro Kopf um 30 Franken senken würde.
Unser Gesellschaftsminister sieht bei uns keine Armut, was mich nicht verwundert, denn die Neureichen bleiben ja «entre nous». Die Armen auch, aber aus Geldmangel oder Scham. Aber sie ist mitten unter uns und zwar jetzt auch im Mittelstand. Da müssen beide Eltern arbeiten, um die hohen Mieten zahlen zu können, Liechtenstein ist ein Hochpreisland, alleinerziehende oder geschiedene, chronisch kranke und gesunde Frauen suchen krampfhaft nach günstigerem Wohnraum, kündigen Zeitungsabos, verzichten auf Kultur, Konzert, Kino, Ferien im Ausland ist ein Fremdwort, Ende Monat ist bei ihnen regelmässig Ebbe im Portemonnaie. Man findet sie auch im Aldi oder Lidl, nicht mal mehr im Migros. Das hängt niemand an die «gros­se Glocke» aber man hört sie, die Armut, wenn man mit diesen Menschen spricht und man sieht sie, so man denn sehen will. Ab 55 noch einen neuen Job zu finden, scheint beinahe unmöglich, auch dies: die neue Armutsfalle.
Die Ärztekammer hat der Politik daher bereits vor einem Jahr ausgearbeitete Lösungsmodelle angeboten, welche bei der KVG-Revision jedoch nicht berücksichtigt und «schubladisiert» wurden. Befristete OKP-Verträge hemmen die Suche nach neuen Hausärzten massiv und verstärken mittelfristig die Unterversorgung der Hausarztmedizin. Damit sägt die Politik am stabilsten Ast der medizinischen Versorgung, da die Hausarztmedizin Dreh- und Angelpunkt der Versorgung bildet und die Kosten möglichst niedrig hält. (Ärztekammer, 5.Mai 2015)
Ich befürchte, die wenigsten Menschen sind sich der Tragweite bewusst, was die geplante Befristung der OKP-Verträge und deren willkürliche Nichtverlängerung für alle bedeutet, bis sie es am eigenen Leib spüren. Dann ist es allerdings zu spät.

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

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