Leserbrief

Dreifaltigkeits- Sonntag – Einheit in der Verschiedenheit

Sr. Alma Pia, ASC,Kloster St. Elisabeth, Schaan | 30. Mai 2015

Glaube

Die Theologie der Christen gipfelt am Ende des zweiten Millenniums in den Werken des Jesuiten Henri de Lubac SJ (1896–1991). Zu ihm bekennt sich auch Papst Franziskus und auf de Lubacs Lehre stützt er seine Entscheidungen. Jorge bestätigt solches in seiner dreiminütigen Konklaveansprache an die Kardinäle unmittelbar vor der Papstwahl: «Das Evangelium zu verkündigen, ist der Seinsgrund der Kirche. Darin liegen Glück und Freude vom Gottesvolk. Jesus verlangt Aposteleifer dafür. Die Priester müssen Parrhesie in allen Predigten beipflichten und freimütig reden. An die Ränder der Existenz, der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, der Gottlosigkeit, des Elends und der Misere aller Menschheit müssen wir gelangen.»
«Wenn die Priesterschaft nicht aus sich selbst heraustritt, um das Evangelium kundzugeben, irrt diese im eigenen Ich herum, wird narzissmuskrank und untergräbt das Evangelium. In der Apokalypse steht Jesus an der Tür, klopft an und will herein. Nun denke ich aber, wie oft hingegen Jesus von innen klopft, weil die Priester ihn im Kerker halten und er herauswill. Diese Priesterschaft, die wähnt, eigenes Licht zu haben, verliert das Mysterium Lunae – das Geheimnis eines Mondes, der das Licht der Sonne ausstrahlt – und verfällt, wie Henri de Lubac uns lehrt, dem Schlimmsten aller Laster, der Mondänität. So entsteht eine Kirche, die keine ist und dafür lebt, dass sie sich selbst auf die Schultern klopft und lobhudelt.
Zwei Bilder der Kirche gibt es: entweder die Kirche, die aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium in Taten umzusetzen, oder die Mondäne, die sich in die Uneigentlichkeit vergräbt. Der nächste Papst muss ein Mensch sein, der die Kontemplation Christi als Handeln erlebt, um mit seiner Kirche, dem Volk Gottes, die existenziellen Randgebiete zu durchschreiten, sodass sie zu Mutter Kirche wird und das Evangelium verwirklicht.»
Diese Kurzansprache, die bekanntlich die Papstwahl entschied, ist die beste Synthese für die Theologie Franziskus. Hätte er aber nur über eine Minute Redezeit anstatt drei verfügt, hätte er Henri de Lubac, seinen Grossmeister, auch nicht vergessen. Ich weiss es!
De Lubac war kein Stubengelehrter. Im Krieg erlitt er 1917 einen Kopfschuss. 1927 wurde er Jesuit und 1929 Theologieprofessor in Lyon. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich dem Widerstand an. Johannes XXIII ernannte ihn 1960 zum Konzilstheologen. Er schrieb den Entwurf einer Verfassung für das Gottesvolk. Daraus ergab sich «Licht der Völker», die jetzt rechtskräftige Kirchenverfassung.
Mit freundlichen Grüssen

Víctor Arévalo, Univ. Prof. Dr. iur.,
Auring 56, Vaduz

Der mit 45 Jahren verstorbene Bischof Tonino Bello von Molfetta war – wie Pfarrer Tschuor – ein glühender Verehrer der heiligen Dreifaltigkeit und ein leidenschaftlicher Advokat der Armen. Er sprach von der Berufung, mit unseren Unterschieden zu leben. Diese Berufung habe «ihre Wurzeln im Geheimnis des dreifaltigen Gottes – drei Personen gleich und doch verschieden, die am selben Tisch des Göttlichen sitzen – ein Gott in drei Personen». Eine einleuchtende «Erklärung» fand ich in der griechischen Dramaturgie. Dort bedeutete das Wort Person = Maske: derselben Spieler konnte im Theater verschiedene Rollen spielen, indem er die Maske wechselte.
Dem entspricht auch jedes Zusammenleben in Einheit des Zieles, des Ideals, bei all unseren Verschiedenheiten. Gott hat alle Menschen nach Seinem Bild erschaffen, aber es gibt keine zwei identische Menschen. Botaniker sagen sogar, es gäbe keine zwei identische Blätter an einem Baum. Gott liebt es bunt! Und wir? Wer andere Menschen ablehnt, dürfte demnach nicht mehr das Kreuzzeichen machen im Namen des Dreifaltigen Gottes und auch nicht Ehre sei … beten, ausser er/sie will sich versöhnen!
Dass es bei uns Menschen wegen unserer Verschiedenheit Konflikte gibt, ist normal. Wir müssen sie nur in Liebe und Wertschätzung austragen – nicht unter den Teppich wischen!
Das Zeugnis einer Ordensgemeinschaft, deren Mitglieder nicht einander, sondern Gott gewählt haben, kann heutzutage ein wichtiger Beitrag zum Frieden in der globalisierten Welt sein – und auch für Familien! Der Auftrag gilt international! Versuchen wir es täglich neu!

Sr. Alma Pia, ASC,
Kloster St. Elisabeth, Schaan

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