Leserbrief

Massnahmen statt guter Ratschläge und frommer Wünsche

Vorstand des Vereins Frauen in guter Verfassung | 27. April 2017

Quotendebatte

Im Editorial der Zeitschrift «Unternehmer» erteilt Arnold Matt den Frauen gute Ratschläge, zwar wohlwollend, aber doch sehr paternalistisch. Er ist überzeugt zu wissen, wie es geht. Zuerst ermuntert er die Frauen, sich zu wehren und betont gleichzeitig – «aber nicht mit einer Quote!». Er stellt fest, dass immer mehr Frauen eine gute Ausbildung haben und sie jetzt «nur noch angeleitet werden müssen, die erforderlichen Studienrichtungen zu wählen». Er weiss natürlich auch welche. Abgesehen von der anmassenden Haltung, die in dieser Aussage steckt, verkennt Herr Matt, dass es aber nicht nur um Karrieremöglichkeiten der Frauen in Wirtschaft und Politik, sondern grundsätzlich um die angemessene Vertretung der Geschlechter auf allen Ebenen geht. Dies schliesst die Männer mit ein, wobei es hier primär um Chancengleichheit in der Familie und bei sozialen Aufgaben geht.
Wie zahlreiche Männer und Frauen glaubt offenbar auch Herr Matt, dass die Gleichstellung der Frauen erreicht ist. Die historischen systematischen Behinderungen von Frauen und deren nachhaltigen Folgen kennt er offenbar zu wenig, berücksichtigt sie jedenfalls nicht.
Früher wurden Mädchen überhaupt nicht zu Schule und Bildung zugelassen, später verbot man den Frauen das Studium, das heisst, man verwehrte ihnen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Zugang zu den Universitäten. Frauen hatten den Status unmündiger Kinder, sie standen unter der Obhut des Vaters, später des Gatten. Verheiratete Frauen durften nur mit Zustimmung ihres Ehemanns berufstätig sein oder Verträge abschliessen.
Das war tatsächlich noch bis vor 21 Jahren so. Dass es viele Männer gab, die ihre Rechte nicht durchsetzten, spielt keine Rolle. Niedrige Löhne erschwerten den Frauen, sich zu emanzipieren und ökonomisch unabhängig zu werden. Es galt bis weit in die 1960er-Jahre, «der höchste Frauenlohn darf nicht höher als der niedrigste Männerlohn» sein.
Erst 1984 gewährten die Männer den Frauen politische Rechte und erst 1996 waren gleiche Rechte gerichtlich durchsetzbar.
Als 1997 die Ehepaar-Renten in je eine Einzelrente für Mann und Frau überführt und auch einzeln ausbezahlt wurde, schellte bei der AHV häufig das Telefon. Aufgebrachte Ehemänner verlangten, dass die ganze Rente wieder an sie ausbezahlt werde, einzelne, sehr erboste gingen sogar mit der Forderung: «Sofort rückgängig machen!», persönlich vorbei.
Die damalige Gesellschaft hat also Frauen mit Gesetzen und Konventionen eingeschränkt und klein gehalten. Es ziemte sich noch in den 1970er-Jahren für eine anständige Frau nicht, allein in ein Restaurant zu gehen, und das Frauenstimmrecht zu fordern, galt als unanständig. Es ist anzunehmen, dass auch heute noch viele Männer nicht freiwillig auf ihre männlichen Privilegien verzichten wollen.
Leider gibt es in unserer patriarchalen Gesellschaft noch immer viele Vorurteile und es existiert eine latente und zum Teil auch offene Frauenfeindlichkeit. Tieferen Löhne für gleichwertige Arbeit, geringere Aufstiegschancen wegen potenzieller Mutterschaft, fehlende Teilzeitstellen in Führungspositionen, fehlende finanzierbare ausserhäusliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten sowie kein bezahlter Elternurlaub wirken weiterhin diskriminierend. Hier muss der Hebel angesetzt werden.
Um für die Frauen gleiche Chancen zu erreichen, helfen gut gemeinte Tipps wenig. Es braucht griffige Massnahmen, Quoten sind eine solche.

Vorstand des Vereins Frauen in guter Verfassung

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