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Liechtenstein|07.12.2012 (Aktualisiert am 07.12.12 09:57)

Hexenverfolgung in Liechtenstein: Appell für historische Fakten

SCHAAN/BREGENZ - Als Manfred Tschaikner vom Vorarlberger Landesarchiv den Prachtband des Liechtensteinischen Landesmuseums zur Ausstellung «300 Jahre Oberland» in die Hand bekam, sah er es als seine Pflicht an, gegen einige eklatante Fehlinformationen anzuschreiben.

"Volksblatt": Herr Tschaikner, sie reagieren mit ihrem Esssay «Hohenemser Schreckensherrschaft in Vaduz und Schellenberg» auf einige Artikel des Ausstellungskatalogs des Liechtensteinischen Landesmuseums zur 300-Jahrfeier. In ihrer Einleitung schreiben Sie unter anderem: «Im Gegensatz zu Fabian Frommelts Ausführungen beim eigentlichen Festakt im Februar 2012 verbreitete der prächtige Ausstellungskatalog des Liechtensteinischen Landesmuseums längst überkommene Vorstellungen von den regionalen Hexenprozessen, die nicht unwidersprochen bleiben können.» Das sind deutliche Worte. Wie kam es dazu?

Manfred Tschaikner: Ich habe mich sofort nach Erscheinen des Ausstellungskatalogs hingesetzt und zu schreiben begonnen. Das war mir wirklich ein grosses Bedürfnis, denn was dort zum Thema Hexen zu lesen war, stellte rund 17 Jahre Forschungsarbeit zu den liechtensteinischen Hexenverfolgungen in Frage. Ich schreibe insgesamt seit mehr als 25 Jahren über den Themenkomplex der regionalen Magie, Zauberei, Hexerei, und dann erscheint ein Buch, werden Vorträge gehalten und Interviews gegeben, wo du dir denkst: Das gibt es doch nicht!

Was genau wird denn in diesen Artikeln falsch dargestellt?

Von den Forschungsergebnissen der letzten zwanzig Jahre wird fast nichts wahrgenommen. Stattdessen wird auf die alten Stereotypen und Klischees zurückgegriffen, die vor allem in den 1950er- bis 1980er-Jahren in der Bevölkerung verbreitet wurden. Sie entsprechen einem Vorstellungsmuster, das seit mehreren Jahrzehnten durch die historische und ethnologische Forschung zusehends aufgelöst wurde. Im Laufe der Zeit hat man sich von den alten Wahrnehmungsweisen und vorgeprägten Bildern immer stärker abgewandt und eine neue Sicht auf das Thema gewonnen. Kurz gesagt, sucht man nicht mehr länger nur eine Bestätigung für die eigene kulturelle Überlegenheit über frühere primitive Denkweisen, für die Überlegenheit der eigenen Zeit gegenüber vergangenen Epochen, wo Herrscher ihre armen Untertanen grausam verfolgt hätten. Vor allem nach den Ereignissen in der Nazizeit lässt sich eine solche Sichtweise kaum mehr aufrechterhalten. Heute werden einfache und überhebliche aufgeklärte Urteile über die Vergangenheit abgelehnt. Es werden darin keine Bestätigungen mehr für eigene Positionen gesucht, sondern neue Erkenntnisse. Die gewinnt man aber nur, wenn man die Ereignisse der Vergangenheit als etwas Fremdes gelten lässt und aufhört, die eigenen Denkmuster in die Geschichte zu projizieren. Der entsprechende Wandel hat sehr viel gebracht. Indem die Eigenheiten der Vergangenheit respektiert werden, gelingt es uns erst, unsere tatsächlichen Wurzeln zu erkennen – ja überhaupt erst wahrzunehmen, statt blosse Projektion zu betreiben.

Und mit den Artikeln im Ausstellungskatalog hat man auf alte Positionen zurück gegriffen?

Ja, im Wesentlichen wurde auf den Stand der Forschungen Otto Segers zurückgegriffen, der in den 1950er- bis 1970er-Jahren über die Hexenverfolgung in Liechtenstein publiziert hat. Er war verständlicherweise den Denkmustern seiner Zeit verpflichtet, die da hiessen: Der böse Hohenemser Graf, der damalige Landesherr, hat nichts anderes im Sinn gehabt, als seine armen bemitleidenswerten Untertanen bis aufs Blut auszusaugen, sie zu verbrennen und auszurauben. Dagegen erhoben sich schliesslich die tapferen Untertanen. Und Gott sei Dank griff dann der gerechte Kaiser ein. Letztlich kam eine gute Fürstenfamilie, die das Land endgültig von dieser Tyrannei befreite. Das hat man sicher lange gern gehört. Einige Jahrzehnte später bin ich aufgrund meiner Arbeiten über die Hexenverfolgung in Vorarlberg eingeladen worden, am Historischen Lexikon des Fürstentums Liechtenstein mitzuarbeiten. Beim Quellenstudium hat sich sehr schnell gezeigt, dass Segers Bild von den Ereignissen in Vaduz ziemlich desolat ist. Es ist schon ein bemerkenswertes Phänomen, dass Forscher mit demselben Aktenmaterial zu komplett gegensätzlichen Ergebnissen kommen können. Das unterstreicht die hohe Bedeutung, die den methodischen Grundlagen bei der historischen Forschung zukommt. In der Zwischenzeit habe ich rund 20 Publikationen zum Thema der liechtensteinischen Hexenverfolgungen verfasst. Dabei hat sich ein ganz anderes Bild herauskristallisiert, als es bei Seger zu lesen ist: Die massgeblichen Betreiber der Hexenverfolgung waren bestimmte Gruppierungen in der Bevölkerung und nicht der Graf. Insgesamt hat das Hexentreiben im Laufe mehrerer Generationen zur Verbrennung von zirka 200 Personen geführt. Das ist eine enorm hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass im Bereich des heutigen Liechtenstein damals ungefähr 3000 Menschen lebten.

Das vollständige Interview lesen Sie im „Volksblatt“ vom 7.12.2012.

(kid)

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