Dienstag - 11. Juli 2017 | 10:22 (Aktualisiert am 11.07.17 10:39)

«Das Grundproblem bleibt: Unbezahlte Arbeit ist zwischen Frau und Mann ungleich verteilt»

BENDERN - Linda Märk-Rohrer beschäftigt sich mit Gleichberechtigung in Liechtenstein. Im Gespräch erklärt die Forschungsbeauftragte am Liechtenstein-Institut, wo eine Frauenquote an ihre Grenzen stossen würde und warum die geringe Wertschätzung unbezahlter Arbeit einer der Hauptgründe für die fehlende Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern ist.

Linda Märk-Rohrer ist For­sch­ungsbeauftragte am Liechten­stein-Institut. (Foto: Michael Zanghellini)

«Volksblatt»: Frau Märk-Rohrer, Sie haben selbst zwei Kinder. Wie haben Sie die Kinderbetreuung geregelt?

Linda Märk-Rohrer: Mein Sohn ist im Kindergarten und die Jüngere geht in die Kita. Ausserdem passt meine Mutter einen Tag in der Woche auf sie auf, auch Nachbarn helfen bei der Mittagsbetreuung aus. Mein Mann kann jeweils den Freitagnachmittag kompensieren. In den Ferien müssen wir ein bisschen improvisieren. Wenn die Kinder ins Schulsystem kommen, wird es schwieriger – da ändert sich die Situation von Jahr zu Jahr. Ein flexibler Arbeitgeber ist hilfreich.

Wie hat sich Ihr 18-jähriges Ich das spätere Berufs- und Familienleben vorgestellt?

Wahrscheinlich schon anders. Bevor wir Kinder hatten, haben wir uns vorgestellt, dass wir beide unser Arbeitspensum verkürzen werden, wenn wir einmal Eltern werden. Das war dann aber viel schwieriger als gedacht.

Wie ist es schlussendlich gekommen?

Mein Mann arbeitet immer noch zu 100 Prozent, kann aber jeden Freitagnachmittag kompensieren und zu den Kindern schauen. Ich habe mein Pensum auf 40 Prozent reduziert – also das klassische Modell, da bin ich auch nicht besser, obwohl ich das Thema erforsche.

Viele Frauen erkennen sich genau darin wieder: Sie haben eine gute Ausbildung, fühlen sich ihrem Partner gegenüber gleichberechtigt und dann kommen die Kinder. Warum klappt die gleichberechtigte Aufteilung nicht, selbst wenn sich das beide Elternteile wünschen?

Man muss dies auf zwei Ebenen betrachten. Auf der einen Seite stehen die Frauen, die immer besser ausgebildet sind und häufiger erwerbstätig sind. Auf der anderen Seite die Männer, bei denen sich im Verhältnis zu den Frauen erstaunlich wenig verändert hat. Dabei wurde – auch in der Forschung – angenommen, dass sich mit der steigenden Erwerbstätigkeit der Frauen auch automatisch bei den Männern etwas bewegen würde und so Gleichberechtigung erzielt wird. Das hat nicht stattgefunden. Mir kommt es vor, die Wirtschaft hatte das Bild vor Augen, dass da viele immer besser ausgebildete Frauen zu Hause sitzen – ein grenzenloses Potenzial an Arbeitskräften, das man einfach abschöpfen kann. Was man nicht bedacht hat ist, dass die Frauen zu Hause Arbeit erledigt haben, die ebenfalls gemacht werden muss. Die Arbeit zu Hause ist aber nicht bezahlt und wird in keiner liechtensteinischen Statistik erhoben und daher leicht übersehen. Unbezahlte Arbeit ist auch gesellschaftlich nicht anerkannt und wertgeschätzt, was unter anderem auch ein Grund dafür ist, dass Männer sich nicht gerade darum reissen, den Teil der unbezahlten Arbeit zu erledigen, den die Frauen bei einem erhöhten Arbeitspensum nicht mehr erledigen können. Da hapert es jetzt.

Wie bewerten Sie die Debatte rund um den geringen Frauenanteil im Parlament?

Es gibt sehr viel Engagement, zum Beispiel von Hoi Quote. Ich finde es aber ein bisschen schade, dass nur auf der Quotenebene diskutiert wird. Eine Quote ist gut und recht, aber es braucht auch die gesellschaftliche Diskussion über die Vereinbarkeit. Die Quote ist vielleicht ein Beschleuniger und hilft bestimmten Frauen, weiterzukommen. Allerdings nur jenen, die es sich leisten können, die unbezahlte Arbeit von jemand anderem machen zu lassen – ob ausserhäuslich oder vom Mann. Das Grundproblem aber bleibt gleich: Die unbezahlte Arbeit ist zwischen Mann und Frau ungleich verteilt.

Das vollständige Interview lesen Sie im „Volksblatt“ vom Mittwoch (12.7.2017).

(df)

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