Marc Risch, Psychiater und Stiftungsrat der LAK: «Die klassischen ‹Benzos›, die heute leider auch bereits auf Schulhöfen unter Jugendlichen verkauft werden, sollten von älteren Patienten nur in Ausnahmefällen und nie als Langzeittherapie eingenommen werden, weil sie beispielsweise die Gefahr von Stürzen erhöhen können.» (Foto: ZVG/Sven Beham)
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Liechtenstein|14.01.2018

Psychiater Marc Risch: «Sechs bis neun Medikamente sind durchaus die Regel»

SCHAAN - Rund neun Medikamente erhalten Pflegeheimbewohner in der Schweiz im Schnitt pro Tag. Weit verbreitet sind auch Psychopharmaka, die gerade im Alter zu gravierenden Nebenwirkungen führen können. Psychiater Marc Risch plädiert dafür, Medikamentenlisten häufiger zu hinterfragen.

Marc Risch, Psychiater und Stiftungsrat der LAK: «Die klassischen ‹Benzos›, die heute leider auch bereits auf Schulhöfen unter Jugendlichen verkauft werden, sollten von älteren Patienten nur in Ausnahmefällen und nie als Langzeittherapie eingenommen werden, weil sie beispielsweise die Gefahr von Stürzen erhöhen können.» (Foto: ZVG/Sven Beham)

SCHAAN - Rund neun Medikamente erhalten Pflegeheimbewohner in der Schweiz im Schnitt pro Tag. Weit verbreitet sind auch Psychopharmaka, die gerade im Alter zu gravierenden Nebenwirkungen führen können. Psychiater Marc Risch plädiert dafür, Medikamentenlisten häufiger zu hinterfragen.

«Volksblatt»: Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Helsana zeigt, dass gerade Personen in Pflegeheimen durchschnittlich rund neun Medikamente am Tag schlucken, stark verbreitet sind auch Psychopharmaka wie Beruhigungsmittel oder Schlafmittel. Ist das alarmierend?

Marc Risch: Ja, durchaus. Oftmals nehmen Patienten mit zunehmendem Alter Medikamente gegen körperliche Leiden ein, insbesondere um Folgeschäden zu verhindern – Cholesterinsenker, Blutverdünner, Präparate für einen passenden Blutdruck oder die Regulation des Blutzuckers – auch Schmerzmittel, wenn beispielsweise eine mögliche Operation nicht möglich ist. Werden dann psychotrop wirksame Substanzen zusätzlich eingenommen, beispielsweise aufgrund von Schlafstörungen, Depressionen oder Angstzuständen, dann kann es problematisch werden. Denn durch diese Kombination steigen die möglichen Nebenwirkungen exponentiell an. Psychopharmaka sollten daher bei älteren Menschen grundsätzlich zurückhaltend eingesetzt werden. Die Fachmeinung ist klar: Gerade bei älteren Menschen muss die Dosierung beachtet werden, da der Organismus solche Substanzen nicht mehr so rasch abbaut. Auch das Gehirn reagiert anders. Aus diesem Grund wird bei älteren Menschen mit sehr viel niedrigeren Dosierungen gearbeitet. Ebenso ist es eine Grundregel, möglichst wenig Medikamente einzusetzen.

Wie wirken denn solche psychotropen Substanzen?

Psychopharmaka können sehr gut wirken, wenn man sie zielgerichtet und nach Abwägung der Wirkung und Risiken einsetzt. Das heisst, dass die wesentlichen Symptomenkomplexe Angst, Depression, Agitation, Verwirrtheit und Schmerz im Fokus sind. Wichtig ist auch, dass nicht alle Menschen gleich auf Psychopharmaka reagieren – paradoxe Reaktionen kommen gerade bei Benzodiazepinen, die tatsächlich häufig verabreicht werden und bei Psychiatern sehr unbeliebt sind, vor. Zudem sind Medikamente nur ein kleiner Teil der Behandlungsstrategien unseres Fachgebietes – viel wichtiger sind Aufmerksamkeit, menschliche Nähe, persönlicher Zuspruch durch das Umfeld, soziale Teilhabe bis ins hohe Alter und der unermüdliche Support der Angehörigen wie auch der ambulanten und stationär tätigen Fachkräfte der Pflege.

Wenn Wirkungen und Nebenwirkungen so schwer zu kalkulieren sind, wie kommt es dann, dass gerade ältere Menschen derart viele Pillen schlucken müssen?

Unsere Erfahrung zeigt, dass die Zahlen hierzulande ähnlich sind, wie in der Studie aus der Schweiz angegeben. Sechs bis neun Medikamente sind durchaus die Regel. In absoluten Zahlen ist das natürlich viel. Gerade ältere Patienten haben oft mehrere Erkrankungen. Dazu gehören beispielsweise Prostata-Probleme, Herz-Kreislauf-Schwächen oder Diabetes, und eben auch neurologische und psychiatrische Erkrankungen. Im Laufe einer Krankengeschichte kumulieren sich die Medikamente und auch die Zahl involvierter Ärzte nimmt zu. Die Psychiater kommen meistens als Letzte ins Spiel. Oft erst, wenn sich das Verhalten ändert und ein Patient psychisch auffällig wird. Wir sind dann mit Medikamentenlisten konfrontiert, die durchaus zu denken geben. Da ist eine enge Absprache mit den bereits involvierten ärztlichen Behandlern nötig – sowohl was die Anzahl Medikamente betrifft als auch die Höhe der Dosierung. Häufig wird Patienten bei jedem neuen Symptom ein zusätzliches Medikament verschrieben. Und so kann es natürlich durchaus zu sehr problematischen Kombinationen kommen. Gerade auch deshalb ist es in jedem Einzelfall wichtig, die ärztliche Empfehlung mit dem Patienten, den Angehörigen und den Fachkollegen der Pflege einem laufenden kritisch-hinterfragenden Prozess zu unterziehen.

Müssten sich da die Ärzte besser austauschen beziehungsweise genauer hinschauen?

Ja, meiner Meinung nach sollten die Medikamentenlisten häufiger kritisch hinterfragt werden. Der fachkollegiale Austausch, vor allem aber auch der Dialog mit dem betagten Menschen und der Pflege, das sind die wesentlichen Erkenntnisquellen für einen medizinischen Entscheid beziehungsweise eine Empfehlung. Schliesslich können gewisse Medikamente nach einiger Zeit auch wieder abgesetzt oder niedriger dosiert werden. Ein Organismus verändert sich im Laufe der Zeit. Gerade bei demenziellen Prozessen ist es wichtig, dass im Krankheitsverlauf bestimmte Medikamente verringert werden, um das Gehirn nicht unnötig zu belasten. Sonst besteht die Gefahr, ein Delir, also einen Verwirrtheitszustand, auszulösen. Da ist es wichtig, dass wir Ärzte – also Hausärzte, Internisten, Neurologen, Urologen, Zahnärzte und Psychiater – also alle, die einen Patienten behandeln, uns gut absprechen. Hier spielen auch die Fachpflege und das Umfeld des Patienten eine wichtige Rolle, denn sie können am besten erkennen, ob sich das Verhalten eines Patienten verändert und daraus ein Handlungsbedarf abgeleitet werden sollte. Im Rahmen von Cardex-Visiten können Zustandsveränderungen am besten analysiert werden. Pflegefachpersonen und Ärzte beantworten dabei gemeinsam Fragen wie: Wie geht es ihm? Wie schläft sie? Hat er Schmerzen? Welche Medikamente nimmt sie? Sind diese noch richtig dosiert? Und: Braucht es das Medikament noch?

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