Leserbrief

Töte nicht den Boten

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren | 30. Juni 2022

Es geht mir nicht aus dem Kopf, denn Ungerechtigkeit tut weh. Die letzte Meldung erschien am 23. Juni im «Volksblatt»: Julian Assange soll in die USA ausgeliefert werden. Er sass drei Jahre lang im Hochsicherheitsgefängnis in London, vorher sieben Jahre eingeschlossen in der ecuadorischen Botschaft, wohin er geflüchtet war. In den USA drohen ihm 175 Jahre Gefängnis. Ist er ein Gewaltverbrecher, eine Gefahr für die Menschheit? Julian Assange, Journalist und Gründer von Wikileaks, veröffentlichte die Geheimpapiere, die ihm von einer US-Soldatin zugespielt worden waren, welche unter anderem die Tötung von Zivilisten, Journalisten und Kindern in Afghanistan und Irak, 303 Fälle von Folter durch US-Truppen und Folterverhöre der CIA in Guantanamo bezeugten. Die Soldatin erlangte nach sieben Gefängnisjahren wieder die Freiheit, während Assange, der Überbringer der Botschaft, die den Verbrechern den Spiegel vorhält, für immer zum Schweigen gebracht werden soll. Das ist «gute» Tradition in der Menschheitsgeschichte. Von Montezuma über König David, von den Griechen bis zu Jesus, der klagt: Jerusalem, du mordest die Propheten, die zu dir gesandt worden sind! Nun, er selbst ist auch bald an der Reihe. Der Überbringer unliebsamer Wahrheiten wird erledigt, basta. Gegenwärtig sind die Medien und die Presse die Boten der Ereignisse aus aller Welt. Der Schweizer Presseclub u.a. will Assange «in seinem Kampf um seine Freiheit und den Erhalt der Pressefreiheit unterstützen». Das ist ja lobenswert, doch wie ernst zu nehmen ist es? Denn: In welchen grauen Winkeln der Redaktionsstuben hat sich die Pressefreiheit in den letzten paar Jahren versteckt? Sie standen und stehen noch im Banne der Pharmaindustrie und geben unisono deren Interessen weiter und das duldet offenbar keinen Widerspruch, kein Infragestellen und keinen differenzierteren Blick auf die «Pandemie». Der Aufschrei wegen «der Gefahr für das Funktionieren der Demokratien» im Falle der Auslieferung von Assange ist heuchlerisch. Es gibt einen kleinen Unterschied zu den ermordeten Mahnern und prophetischen Boten: das Medienkollektiv köpft sich selber. Wer sich um Wahrheit bemüht sucht andere Kanäle als den Mainstream und hat längst ein Gespür dafür entwickelt, was nach Lüge riecht. Übrigens: Im Namen Assange steckt Ange, Engel, den man wohl als Boten bester Qualität ansehen darf.


Loretta Federspiel,
Werthsteig 9, Mauren

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