Leserbrief

Lediglich eine Feierabendveranstaltung

Rheinhard Walser, Bartlegrosch 38, Vaduz | 16. Mai 2022

Gestern fand in Bern das Cupfinal des Schweizer Fussballs statt. Ein Fussballereignis erster Güte. Tolle Stimmung. Rammelvolles Stadion. Fantastisches Rahmenprogramm. Schlachtrufe, Gesänge und Transparente. Herrliche Atmosphäre. Fussball zum Verlieben. Ein paar Tage vorher fand das Cupfinal des Liechtensteiner Fussballs statt. Ein paar Hundert Zuschauer. Kaum Begeisterung. Keine Stimmung, kein Rahmenprogramm. Sterile Atmosphäre. Liechtensteiner Cupfinal wird offenbar als Feierabend-Veranstaltung abgetan. Nach dem Motto: Aufgabe erfüllt. Leider.
Ich würde mir wünschen, dass der Liechtensteiner Fussball sein Cup-Final wieder vermehrt als Fussball-Höhepunkt zelebriert. Mit Begeisterung und Leidenschaft. Als Werbung für den Fussball, der eine solche dringend notwendig hat. Die Nationalmannschaft verliert laufend an Ansehen. Und der selbsternannte Vorzeigeclub Vaduz wird von Ruggell bis Balzers verachtet als geachtet. An den Stammtischen ist Fussball kaum noch ein Thema und die Fans bleiben den Spielen weitestgehend fern. In meinen Augen wird unser Fussball zu viel verwaltet, zu wenig gelebt, zu wenig gestaltet. Wo bleiben die «fussballverrückten» Präsidenten und Funktionäre? (Positives Beispiel: Matthias Hüppi vom FC St. Gallen) Früher fand das Cupfinale im Rahmen des gross angelegten «Liechtensteinischen Sporttages» statt (mit Leichtathletik, Turnen, Schwingen, Radfahren etc.). Das ganze Land war auf den Beinen. Die Stimmung war grandios. Dann verlegte man das Cupfinal auf ein würdiges Datum: nicht auf einen Dienstagabend. Auf den Ostermontag oder auf Auffahrt. Immer dabei Musik und das passende Drumherum. Heute? Tempi passati. Und zum Schluss noch eine bizarre Anekdote. In den späten Fünfzigern spielten wir Vaduzer im Cupfinal gegen Triesen. Das Cupfinale war über Wochen Stammtischthema Nummer eins. Dabei ging es vor allem um die Frage, wer bei den Triesner spielen würde Ersatzspieler gab es damals noch keine. Als Krönung der Geheimniskrämerei fuhren die Triesner dann mit verklebten Autos zum damaligen Landessportplatz, damit wir im Voraus die Spieler nicht erkennen konnten. Ich hoffe, ich erinnere mich richtig, dass wir Vaduzer trotz hitzigem Gefecht den Kübel holten.
Geschichten, die nur der Fussball schreiben kann. Schön war’s.

Rheinhard Walser,
Bartlegrosch 38, Vaduz

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