Leserbrief

Krieg – Und das Leben danach?

Walfrieda Weiss, Bahnstrasse 58, Schaan | 16. März 2022

Wir waren Kinder, der Bote verliess eiligst unser Bahnwärterhäuschen. Wir fanden Mama auf dem Hocker in der Stube. Den Kopf gesenkt, in den Händen ein zerknülltes Taschentuch – und auch Tränen, die wir bei ihr später nie mehr sahen. Wir fragten: «Warum?» – es blieb still, wir waren allein. Dann ein Kreuz für Papa, Friedhof Schaan. Mama, wir Kinder, viele redende Leute. Ich sah Blumen, mein Bruder zupfte an einer schwarzen Schleife, unsere Tante kreischte. Wir fragten wieder: «Warum?» – alles blieb still, wir blieben allein. Danach das Leben, das nie vergisst. Wir wussten nun, wie es geschah. Unser Vater – nicht «gefallen», sondern in den Krieg gezwungen, erschossen, von russischen Panzern überrollt. Einer von vielen Hunderttausend Kriegsopfern der Schlacht am Dnjepr. Am Dnjepr liegt er nach 80 Jahren noch immer. Dort, wo heute Familien auseinandergerissen werden, Väter erschossen und von Panzern überrollt. Die Zurückbleibenden werden ein tief verwundetes Leben führen. Darum: ein entsetztes, empörtes «Warum?!».


Walfrieda Weiss, Bahnstrasse 58, Schaan

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