Leserbrief

Einer Chimäre aufgesessen?

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren | 15. Januar 2022

«Wenn ihr schon nichts Eigenes habt, dann werdet doch gleich Österreicher!», mahnte ahnungsvoll und leicht verbittert der auf Platz und Strasse heruntergetretene Historiker Peter Kaiser seine Landsleute. Er wäre erschrocken zu sehen, wie egal die Frage uns geworden ist, wer wir sind und was wir sein möchten. Von Mütze, Schal und Maske verhüllt, erkenne ich meine nächste Verwandte nicht mehr. Auch sonst ist das meiste, womit wir uns untereinander erkenntlich gemacht haben, pervertiert worden. Unsere Körpersprache ist bis ins Absurdeste verdreht worden: viele begrüssen sich mit dem Zusammenstossen der geballten Faust, die doch eigentlich ein Ausdruck des Kampfes war. Man stösst sich mit den Ellbogen an, was doch einst die rücksichtslose Durchsetzung meinte, man hustet in die Armbeuge, in die wir ein Kinderköpfchen betten, womit wir uns umarmen und gegenseitig ans Herz drücken. Als Menschen seien wir erschaffen «nach Gottes Bild und Gleichnis» – nur gibt es von diesem Gott kein Bild. Nach wem kommen wir, wenn wir kein Gesicht mehr haben? Welchem Trugbild mit Maske sind wir aufgesessen? Vielleicht irgendwelchen mund- und nasenlosen Ausserirdischen? Wir wissen es nicht. Der Geist scheint momentan verdunkelt zu sein. Wenn auch Kindern eine Maske aufgedrängt wird, die doch gerade dabei sind, sich ein Bild von der Welt zu machen, dann hört sowieso jede Religion auf. Und wenn dazu noch eine FL-Journalistin, die lachend ihren Spruch auf dem T-Shirt präsentiert: «Teach children to worship satan» (lehrt die Kinder, Satan zu verehren) deswegen noch immer nicht im Gefängnis ist, dann interessiert mich nicht einmal die Frage nach Gott, dann interessiert mich auch das Land, meine Heimat nicht mehr. In einem kaum bekannten Grimm Märchen klopft das an sich und der Welt irre gewordene Catherlieschen an die eigene Haustüre und fragt, ob sie zu Hause sei. Ja, sie schläft wohl, tönt es von innen. «Dann bin ich gewiss zu Hause», sagt sie sich selbst und läuft davon.

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren

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