Leserbrief

Chancengleichheit in Liechtenstein

Marlen Batliner, Krest 2, Gamprin | 15. Dezember 2021

Wir alle kommen zur Welt, ohne selber aussuchen zu können, wie normal wir später wahrgenommen werden.
12. Dezember, Sonntagnachmittag am Eislaufplatz in Vaduz hatte ich mit einer Person des zuständigen Sicherheitsdienstes ein Erlebnis, das ich keinem Kind oder Erwachsenen wünschen möchte.
Ich kniete am Boden, um meinem Kind mit den Schlittschuhen zu helfen, da gesellte sich eine Sicherheitsperson zu uns neben den Tisch und wies uns darauf hin, wir möchten bitte einen beliebten (die meisten tragen einen) Mund-Nasen-Schutz tragen, auch im Sitzen, nur direkt zum Trinken dürfe dieser weg. Meine Begleitung hat seit ihrer Landung auf dieser Welt eine Hörbeeinträchtigung. Eben dies hat sie dann dieser Person laut und deutlich gesagt und darum gebeten, die Person soll bitte die Maske absetzen, damit sie ihr von den Lippen lesen kann, um sie zu verstehen. Was passierte? Die Person hat sich lieber zu mir am Boden unten gewandt, um mir das noch einmal zu sagen. Im Sinne: Ich soll meiner Begleitung das übersetzen. Von Deutsch in Hiasig oder was? Habe ihr dann zweimal erklärt, dass dies so nicht geht und nicht in Ordnung ist, sie bitte ihre Maske ausziehen soll, um mit meiner Begleitung auf Augenhöhe selber zu reden. Ist leider nicht geschehen – mit einer, die nicht hören kann, braucht man nicht reden, die kann doch auch nicht richtig denken. Genau so ist es rüber gekommen. Wir waren schockiert, Zeugen gab es natürlich auch, peinlich berührt.
Die Person des Sicherheitsdienstes ist mir später noch einmal über den Weg gekommen, das Land ist ja klein. Dabei habe ich den Vorfall angesprochen. Ich wollte ihr Verständnis fördern. Da bin ich am falschen Ort gelandet. Sie hätte die Weisung ihres Arbeitgebers, auf gar keinen Fall ihre Maske abzulegen.
Wo sind wir denn?
Das neue G = gehörlose bleibt zu Hause, ich habe Angst, mich bei euch anzustecken, wenn ich ein bisschen Empathie zeige?
In diesem Sinne bitte ich alle, die Menschlichkeit nicht zu vergessen. Keiner von uns weiss, wie sich das Gegenüber in seiner Haut fühlt.
Solche Erlebnisse sind ein Grund, sich für seine Mitmenschen zu schämen.

Marlen Batliner,
Krest 2, Gamprin

Teile diesen Leserbrief mit deinen Freunden

Leserbrief schreiben

Wie denken Sie darüber?
Titel
Text 0 / 2500 Zeichen
Weiter