Leserbrief

Die Welt, in der wir leben

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 2. Dezember 2021

Bäume sind im Frühjahr nach ihrer Winterruhe vital und können auf Schnittwunden besser reagieren, indem sie sogenannte Abschottungszonen erzeugen. Sie verhindern damit das Eindringen von Pilzen und anderen schädigenden Organismen. Gleichzeitig überwallt der geschnittene Baum die Schnittwunden mit sogenanntem Kallusgewebe, sein Heftpflaster. Wird der Baum im Winter geschnitten, kann er erst Monate später reagieren und bietet Schädlingen die Möglichkeit, tief in das gesunde Holz einzudringen. Nun gibt es Hauptstädte, die das alles besser einordnen können, in denen werden die Bäume mitten im Winter geschnitten. Um dem Baum aber das Gefühl zu geben, dass es schon bald wieder Frühjahr ist, wird der Hauptstadtbaum übertölpelt, indem man ihm vor dem Schnitt die Blätter, die er noch gerne ein wenig behalten hätte, einzeln herunterrupft. Doch der liebe Gott ist gnädig und drückt zum Selbstschutz so dann und wann beide Augen zu, damit er nicht noch ganz verrückt wird ob all dem Unverstand dort unten an der Klagemauer.
Eine ähnliche Komödie, der etwas seltsame Vergleich, der neulich als «Läsibrieaf» zu den Casinos zu lesen war, war jener; Casinos versus Neophyten. Dabei wäre zu beachten gewesen, dass wir hier in Europa ohne den Zuzug neuer Pflanzen schlicht und einfach verhungert wären. Kartoffel, Tomate, Mais, Walnuss, Rebe, Gurke, Kürbis, Bohne, Topinambur und so weiter. Alles Pflanzen, die von weither kommen und uns das Überleben gesichert haben.
Friedrich II. von Preussen förderte den Anbau der Kartoffel energisch, aber die Bauern verstanden die Knolle nicht so richtig. Erst nach einer erneuten Hungersnot lernten sie langsam die Vorteile der Erdäpfel zu schätzen. Friedrich selber ass allerdings nur selten Kartoffeln. Also vielleicht braucht das Land auch eine Hungersnot, um den Segen der Casinos und den noch grösseren der richtigen Baumrasur zu verstehen. Friedrich mochte keine Kartoffeln, also ass er sie nicht. Der eine mag keine Casinos, also soll er dort nicht hingehen.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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