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Leserbrief

Eine wahre Geschichte

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren | 30. August 2021

Als Lehrerin sass ich einmal neben dem achtjährigen Michael, der noch etwas Nachhilfe im Lesen nötig hatte. Um uns weder mit einem langen Text noch mit einem allzu ernsten Inhalt zu strapazieren, fiel meine Wahl auf ein kleines Gedicht von Christian Morgenstern:
«Ein Schnupfen sass auf der Terrasse, auf dass er sich ein Opfer fasse – und stürzt alsbald mit grossem Grimm auf einen Menschen namens Schrimm. Paul Schrimm erwidert prompt: Pitschü! Und hat ihn dann bis Montag früh.»
Das Erstaunliche war, dass jetzt der kleine Michael und ich wie auf Kommando zu niesen begannen und uns die Nase putzen mussten. Am Ende der Stunde war der Spuk verschwunden. Wie ein Spuk kam es zumindest mir vor. Dass Lachen ansteckend ist und Gähnen und auch das Weinen im Kino, wissen wir alle, aber ein Gedicht? Es können doch keine Bakterien und Viren zwischen einem Gedicht und uns hin und her schwirren. Allerdings meint Erich Kästner: «Eine Geschichte ist wie ein Lebewesen und vielleicht ist es sogar eines.» Das hiesse dann, dass auch von Geschichten eine Krankheit oder die Angst davor ausgehen kann, die ist dann sehr wohl ansteckend, aber vielleicht auch nur bis zum Ende der Lektion oder bis am «Montag früh».
Als eine von den 99,99 Prozent Menschen in der Welt, die Covid überlebt haben, mutet es mich manchmal seltsam an, dass wir mit so vielen Zahlen über Inzidenz, Fälle, Massnahmen und Impfvorgaben eingeschüchtert werden.
Warum streuen die Zeitungen nicht hin und wieder, um die Leser ein wenig zu erfreuen und ihnen zu etwas Ablenkung und Durchblick in dieser Zeit der Wirrnis zu verhelfen, zwischen den Zeilen da und dort ein Gedicht ein? Es gibt so viele davon. Es wäre damit vielleicht, wenn man an Morgensterns Schnupfenübertragung denkt, sogar eine Herdenimmunität zu erreichen. Eine tolle Aussicht auf die kommende saisonale Grippezeit!

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren

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