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Leserbrief

Das eigene Hemd am nächsten

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz | 26. August 2021

Allein aufgrund seiner schieren Existenz erbringt unser Wald gleichzeitig vielfältige Leistungen: Ohne jedes menschliche Zutun ist er Lebensraum für Flora und Fauna, spielt eine Rolle im Klima- sowie Trinkwasserschutz, dient als Erholungsraum, trägt zur Verminderung von Naturgefahren bei und liefert den Rohstoff Holz. Auf dessen Nutzung als Bau- und Brennstoff konzentrierten sich die forstliche Lehre und Praxis bis hoch in die Achtzigerjahre. Trotz bestenfalls stagnierender Holzverkaufserlöse, gleichzeitig steigender Produktionskosten oder zur Vorsicht mahnender Prognosen bezüglich des sich ändernden Stellenwerts der einzelnen Waldleistungen verausgaben sich unsere Waldbesitzer bis heute mit Geräten, Maschinen, Gebäuden, Erschliessungsanlagen und Personal: Was dabei das Schlimme ist – diese Betriebsausstattung «will» auch bewegt werden, zum Nutzen oder Schaden und ungeachtet tiefroter Zahlen. Fakt aber bleibt: Anstelle von blossem Holz tatsächlich nachgefragt werden heute aber all die Umweltwirkungen des Waldes. Dumm dabei nur, dass der Wald Umweltwirkungen wie Biodiversitäts-, Klima- oder Lebensraumfunktion weitestgehend ohne spezifische Pflegemassnahmen leisten kann; nur auf rund 10 Prozent seiner Fläche muss er gemäss geltender Sachlage sehr wichtige Schutzfunktionen erfüllen; auch da sind nur auf einem Teil dieser Fläche Massnahmen angezeigt. Fazit: Die Forstbetriebe sind für die heute nachgefragten Waldleistungen weit überdimensioniert. Anstatt sich – wie in Nachbarregionen – einer umfassenden Organisationsüberprüfung zu stellen, reden die Verantwortlichen hier Schutzwalddefizite herbei – fachlich inkompetent und auch anders als in Nachbarregionen; unbegründet schüren sie Angst. Um vom eigentlichen Problem abzulenken, bringen sie das Wild als Verursacher ins Spiel: Eine Jagdgesetzänderung soll es richten – nämlich die Försterpfründe retten: Jedem darf das eigene Hemd am nächsten sein, aber nicht dann, wenn es auf Kosten naturnahen Waldes und seiner Lebewelt geht.

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz

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