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Leserbrief

Notizen vom Alten Friedhof Innsbruck

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 12. August 2021

«Christ steh still und bet a bissl:
Hier liegt der Bauer Jakob Nissl,
zu schwer musste er büssen hier.
Er starb an selbstgebrautem Bier.»
Innsbruck, Alter Friedhof

Wenn einer den Museumsfriedhof Kramsach in Tirol drinnen besucht, kehrt er meinst erlöst und wonnevoll nach Hause. Er weiss dann wieder, dass das Leben irgendwann ja doch endet und dass es den Teufel sehr wohl freut, wenn sich der Verblichene als das offenbart, was er im Leben war, bevor er sich über ihn hermacht. Er, der Teufel, tät sich dann leichter, wissen die Tiroler. So ist dort auf den Marterln, welche den Toten; gendersprech, das Tötin auf ihrem Weg durch das Jenseits begleiten etwa: «Hier ruht Adam Lentsch, 25 Jahre lebte er als Mensch und 37 Jahre als Ehemann.» Oder noch frivoler: «Hier schweigt Johanna Vogelsang, sie zwitscherte ihr Leben lang.» Und: «Hier ruht ­leider mein Gemahl, er war Schneider unten im Tal, an seiner Stelle setzte ich dort mit dem Geselle die Arbeit fort.» Oder: «Hier ruht in süsser Ruh, erdrückt von einer Kuh, Franz Xaver Maier, daraus sieht man, wie kurios man sterben kann.» Gar nicht auszudenken, was passieren würde, wenn heutzutage der übrig gebliebene Ehemann auf dem Grabstein lüstern Rache nähme für sein geliebt verblichenes Eheweib. Der mediale und gesellschaftliche Blitz würde ihn regelrecht explodieren lassen und seine satanischen Gebeine würde man wohl ins Tobel hinaufschiessen. Heutzutage ist zumindest vordergründig Anstand gefragt und die Würde des Menschen ist unantastbar. Natürlich erst wenn er tot ist. Wie gerne lauschen wir den Alten, wenn sie erzählen, wie früher der Pfarrer von der Kanzel seine ganze Wut über die betenden Köpfe ­plärrte und den derweil jassenden Lumpen im Kreuz drüben regelrecht die Verdammnis an den Stammtisch wünschte. Am Bier sollen diese Gottesdienstverweigerer krepieren und verrecken, durfte er damals, als am Sonntag die Kirche voll war, noch sagen. Heute ist sie leer und der Geistliche hat grad auch noch das Maul zu halten. Aber wir sind schon recht, wir guten Christen, die wir aufpassen wie die Heftlemacher, dass niemals Schlechtes in unserer schönen, verlogenen Welt geschehe.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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