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Leserbrief

Die Schutzwaldmär

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz | 23. Januar 2021

Wald-Schauen fördert Wald-Verständnis: Wald-Verständnis gibt Einsicht über Möglichkeiten oder Notwendigkeiten menschlichen Tuns und Unterlassens. Schauen wir mal von Vaduz auf die Nordwest-Flanke der Mittagspitze, die auf der ganzen, extrem steilen, steinig-felsigen, unwirtlichen Breite, vom Bergfuss auf 550 bis zum Gipfel auf über 1800 m ü. d. M. bestockt ist: Sträucher und Bäume, die aus der Ferne betrachtet einen zusammenhängenden Wald formen – ein typischer, unbewirtschafteter Bergwald eben, bei dem neben dicht stehenden Bäumen auch baumlose Flächen vorkommen, bei dem sich aber auch diese vermeintlich dicht stehenden Bäume als kleinflächiges Mosaik von Baumkollektiven sowie offenen Flächen erweisen: natürlicherweise vorhanden ist ein offenes, von Erosionskräften durchflossenes System von Wald und Freiflächen. Es handelt sich dabei um einen Bergwald, der ausserordentlich artenreich sowie horizontal und vertikal vielfältig strukturiert ist, der vom einjährigen Sämling bis zum mehrhundertjährigen Baumrecken alle Altersstufen umfasst, der unzähligen Pflanzen- und Tierarten einen vom Menschen ungestörten Rückzugsraum gibt, der seit jeher Gämse, Hirsch und Reh Äsung, Deckung, Einstand sowie Ruhe bietet und der dem Zahn des Borkenkäfers ebenso trotzt wie den tobenden Sturmböen des Föhns.
Seit der Eiszeit bis heute entwickelte sich dieser Bergwald – sich anpassend an episodisch wechselnde Standortsbedingungen und ohne menschliches Zutun: Er ist in sich stabil, erhält sich von selbst und schützt sich auch selbst. In Jahr­tausenden der Balzner Siedlungs­geschichte wäre es niemandem ­eingefallen, direkt am Fusse der Steilwände sein Haus bauen zu ­wollen und dabei noch Schutz vor Steinschlag zu erhoffen.
Von der heutigen Forstpraxis dagegen werden schon im mittelalten Bergwald ein Verjüngungsnotstand herbeigeredet und derartige Schutzwirkungen erwartet, die dieser schlicht nicht zu leisten vermag: Wo der Mensch in Missachtung von ­Lawinen und Steinschlag, beispielsweise an der Strasse Steg – Malbun, einen ganzjährigen Sicherheits­anspruch stellt, können nur technische Massnahmen den Schutz ­sichern. Unlauter handeln Förster, die mit dem Schutzwaldargument Angst schüren, dieses für einen ­unheiligen Kampf gegen Jäger und Wild missbrauchen, nur um dabei egoistische Motive zu befriedigen.

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz

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