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Leserbrief

Am Amazonas und in Liechtenstein

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz | 26. November 2020

Schon im Alpgesetz 1867 wurde für das Berg- und Alpengebiet die Ablösung waldschädigender «Holzungsservitute» gefordert: umgesetzt wurde dies unter Aufwendung Zehntausender von Franken erst knappe 120 Jahre später. Und heute, weitere 40 Jahre später, handeln die Forstbetriebe, als ob sie nichts aus der Geschichte der Waldzerstörung, der Kahlschläge und der Monokulturen gelernt oder nichts von der Bedeutung naturnaher, stabiler Wälder für den Schutz von Pflanzen- und Tierarten oder für den Klimaschutz gehört hätten: mit Millionen von Steuergeldern werden, von den geschützten Waldreservaten entlang der Rheinauen bis in bisher unberührte Naturwaldbestände im hintersten Samina- oder Valorschtal, Bäume gefällt – und dies nur, um sie nachher zu verbrennen – als ob unanständig hoch subventioniertes Energieholz einen höheren Heizwert hätte. Dies war nicht immer so: im Jahr 1960 wurden im Liechtensteiner Wald lediglich 9427 Kubikmeter (m³) Holz geschlagen, wovon 48 Prozent als Energieholz genutzt wurden – damals, als wir auf dem Holzherd kochten, mit Holz heizten und zum Gebrauch von Holz als Energiequelle auch kaum eine Alternative kannten. Auf schon 20 024 m³ belief sich die gesamte Nutzungsmenge im Jahre 1990, allerdings, bei einem Energieholzanteil von damals gerade noch 21 Prozent. Unvorstellbare 29 076 m³ Holz wurden 2019 geschlagen – und diese wurden zu unglaublichen 69 Prozent als vermeintlich klimaneutrales Energieholz genutzt; oder man müsste zutreffender sagen, sie wurden verbrannt – ungeachtet der ökonomischen, ökologischen und sozialen Langzeitfolgen der dabei erfolgten Waldplünderung; wo Nachhaltigkeit aller Waldleistungen nur in Kubikmetern gemessen wird, bleibt verbrannte Erde zurück; dies ist so am Amazonas wie im Bergwald: ausgelaugte Böden, instabile und schadenanfällige Forste, verarmte Pflanzen- und Tiergemeinschaften. Die energetische Nutzung des Waldes ist wohl die primitivste Art der Verwendung eines grundsätzlich vielseitig verwendbaren Rohstoffes. Deren finanzielle Förderung ist ein Irrweg: diese beeinflusst den Holzeinschlag durch eine gesteigerte Holzernte mit der Folge, dass das Wachstum des Energieholzanteils vorrangig und überproportional die naturnäheren, stabileren und gesünderen, sich selbst erhaltenden Waldökosysteme betrifft – unersetzliche Waldreservate und bisher weitgehend unberührten Bergwald. Es ist naheliegend, zu vermuten, dass die Nutzungsintensivierung diese Wälder so schwächen wird, dass sie unter Witterungsextremen stärker leiden werden als sonst zu erwarten wäre. Und das zuständige Amt – es verschliesst nicht etwa die Augen vor dem Problem; viel schlimmer – es scheint das sich abspielende Drama gar nicht als Problem wahrzunehmen. Aber zum gelinden Trost seis gesagt: Wenn zu Hause nach getaner Gartenarbeit beim Würstegrillen von einem feuchten Holzscheit ein unschuldiges Räuchlein aufsteigt, dann ist es umgehend mahnend zur Stelle.

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz

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