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Leserbrief

Die vergiftete «Tolleranz»

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 25. November 2020

An die löblichen Damen Gabi Büchel-Meier, Eva Rieger, Karin Jenny. Beim Studium meiner eigenen Lesebriefe fällt mir immer wieder auf, dass ich niemals andere Menschen einfach grundlos persönlich angreife, sondern immer nur in der Sache argumentiere und ihr treu bleibe. Greift man mich jedoch persönlich an, erlaube ich mir zurückzubeissen. Zugegebenermassen, am liebsten in den Hintern, oder nach Appenzeller-Bless-Manier in die Waden. Wohl ist mir bewusst, dass manche Menschen mit gesellschaftskritischen Texten nicht umgehen können. Zu oft fühlen sie sich dabei wahrscheinlich persönlich ertappt und überführt, was zu Häme und im Teufelsfalle gar zu Hass führen kann. Müssig hier wieder den alten und vergriffenen Voltaire hervorzukramen: «Ich teile deine Meinung nicht, aber ich gebe mein Leben dafür, dass du sie sagen darfst.» Auch müssig hier tiefer in die menschliche Psyche einzudringen. Jene Psyche, die den Menschen glücklich macht, wenn er sich gut aufgehoben im Herzen der beschützenden Gesellschaft wähnt. Dabei kümmert er sich nicht, wohin dieser Strom der Lemminge wandert, Hauptsache, er ist in ihrer Mitte geborgen. Jene Mitte, wo der Strom aus der Steckdose und die Milch aus dem Tetrapack und der Leitfaden für ein glückliches Leben aus dem Fernseher kommen. Jene «tollerante» Mitte, in der es, dem Genderwahn huldigend, bald weder Mann noch Frau, noch Vater noch Mutter, sondern nur noch Elter, Tuende, Betreibende, Glaubende und Seienede geben wird. Dann, wenn endlich störende Kritiker und lähmende Leserbriefschreiber allesamt auf dem Scheiterhaufen verkohlt und aus den Schwertern der Kämpferinnen für eine endlich bessere Welt für sie die Grabeskreuze geschmiedet sind. Um mit Carl Philipp Gottlieb von Clausewitz zu enden: Die Einwirkung theoretischer Wahrheiten auf das praktische Leben geschieht immer mehr durch die Kritik als durch Lehre.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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