Leserbrief

Was ich sagen wollte, gleich nach dem Tag der Sprachen (also zeitnah)

Norbert Batliner, Ziegeleistrasse, Nendeln | 28. September 2020

Seit bereits mehreren Jahren hat ein neues Wort (Unwort), das keine wirkliche Bedeutung hat, seinen Weg in unsere Sprache, vor allem in unsere Schriftsprache gefunden. Immer häufiger lesen oder hören wir den Ausdruck «zeitnah». Er wird verwendet von Journalisten, Politikern, Beamten, Amtsstellen, Managern, Hellsehern und zwar immer dann, wenn sie eine Ausrede brauchen, aber nicht bewusst die Unwahrheit sagen wollen.
Werden Sie aufmerksam und stellen Sie fest, dass zeitnah wird immer verwendet:
• wenn jemand keine Ahnung hat, wann etwas gemacht werden soll.
• wenn jemand schon am Anfang weiss, dass das besagte Projekt nie realisiert wird.
• wenn jemand der Mut fehlt, zu sagen, dass er gar nicht die Absicht hat, etwas zu erledigen.
• wenn jemand ein Versprechen nicht einlösen und auf ewig hinausschieben will, usw. usw.
Meine Empfehlung an Sie, lieber Leser: streichen Sie dieses Unwort zeitnah aus Ihrem Vokabular, Sie haben es nicht nötig, diese Floskel zu benutzen. Anstelle von zeitnah geben Sie einen Termin, sagen Sie wann. Wenn Sie nicht wissen, wann etwas realisiert werden soll oder etwas nicht gemacht werden kann, haben sie den Mut, es zu sagen. Damit verdienen Sie sich Respekt.
PS: Als Zeitspanne um Vergleich: Zeitnah heisst für den Glaziologen circa 10 000 Jahre, für den Informatiker drei Millisekunden.

Norbert Batliner, Ziegeleistrasse, Nendeln

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