Leserbrief

Nachthafenvisionen

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 25. Juli 2020

In der Meinungsvielfalt um diese S-Bahn finden sich ab und zu doch so ein paar Schmankerln und Kuriosa, die das Zeug hätten, bei Eris, der Göttin des Streites und der Zwietracht Wohlgefallen zu erregen. So schreibt ein Herr Gopp, dass wenn dann dereinst das Schienenwerk enkeltaugliche Ertüchtigung erfahren hätte, man bei uns auch in den Railjet einsteigen könne. Natürlich liefert er weder Beweise noch Bezugsquellen, sondern streut das einfach so, Eris zu gefallen herum. Geht natürlich auch. Ein anderer macht Stimmung für die S-Bahn, indem er unsere Altvordern als visionäre Helden glorifiziert, weil sie vor 150 Jahren die Eisenbahn bekamen. Diese Glorie sackt aber in sich zusammen, wenn darüber nachdenkt, dass es in dieser Zeit weder Autos noch Lastwagen gab und die Eisenbahn das einzige Mittel war, Waren zu transportieren. Damals waren auch die Bahnschuppen nicht mit Fahrrädern voll, sondern mit Geissen, Kühen, Wein und Mostfässern. Diese Glorie sinkt noch tiefer, wenn man weiss, warum diese Bahn ausgerechnet über unsere Böden die Schweiz mit Österreich verbinden musste. Tatsächlich gab es in den 150 Jahren, in denen diese Bahn ihr Dasein fristet, Visionen. Fünfmal wurden Anstrengungen unternommen, diesen sinnlosen Streckenverlauf nach Buchs zu ändern und sie über Vaduz durch das ganze Land weiterzuführen. So sollte zum Beispiel das Restaurant Grüneck der Bahnhof in Vaduz werden. Den heutigen Visionären, die nun für die Bahn wie die Teufel herumreiten, fehlen solche Eingebungen, denn das bräuchte Mut. Aber woher den nehmen, wenn Eris die Triebmutter ist? Den grössten aller grossen Grossvögel schiesst der ehemalige Landesplaner ab. Zum einen muss man sagen, dass wir unsere Zersiedlung und das 50 Jahre alte Strassenwerk, das unser Land heute am Fortschritt hindert, unseren Landesplanern zu verdanken haben, die in den vergangenen 30 Jahren für Planungen Geld in ungeheuren Mengen ergebnislos zum Fenster hinaus geworfen haben. Jener ehemalige Landesplaner meint nun, dass eine Nordeinfahrt Buchs, die übrigens unser Verkehrsminister Risch schon als Lösung in den Raum stellte, Sinn machen würde. Man hätte dann gleich zwei Bahnlinien. Die eine durch Schaan von Süden nach Buchs und die neue übers das Riet nördlich auf Buchs. Auf jener könnten dann internationale Züge verkehren. Der würde also tatsächlich unser mikroskopisch kleines Land als Verbindungsstück für unsere zwei grossen Nachbarn vollständig opfern. Na, wenn das keine enkeltaugliche Zukunftsplanung ist.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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