Leserbrief

S-Bahnarchetypen

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 15. Juli 2020

In ihrem Leserbrief vom 8. Juli meint Violanda Lanter, dass der Zugsprecher vor dem HB Zürich die Verspätung so begründete: «Im schönen Bahnhof Nendeln» hätte der Railjet warten müssen, damit ein anderer Zug hätte kreuzen können und resümiert: wer könne da noch gegen einen Doppelspurausbau Nendeln – Tisis sein. Obwohl vom 7. bis. 8 Juli ein Komet von der Grösse zweier Monde nahe an der Erde vorbeischoss, kann erfahrungsgemäss ausgeschlossen haben, dass der Nendler Bahnhof und jener Komet esoterische, gar übersinnliche Verbindungen pflegen. Wer aber dann? Die Bahn erlaubt auch jenen, welche mit wenig akademischem Handgepäck reisen, die Züge zu besteigen, denn das Werk Bahn funktioniert verständlicherweise nur mit abgestimmten Takten. Der Railjet, das Züglein Feldkirch- Buchs, der Transalpin, der rote Pfeil, takten wie alle Fahrplanzüge fein und exakt aufeinander abgestimmt. Auch zwischen Feldkirch und Buchs auf nur einem Geleise, seit vielen Jahrzehnten problemlos. Nun, aber wie kommt Frau Lanter zu dem besonderen Hörgenuss im Zug vor Zürich? Bahnfahrer wissen, dass Verspätungen nicht begründet werden. Man stelle sich vor, jeden Tag ist im Zug eine andere Verspätungsgeschichte zu hören. Zum Beispiel: Der Zug von Luzern hat Verspätung, weil dem Bahnhofswärter von Mettmenstetten die Frau mit ihrem Liebhaber durchgebrannt ist, er die Verfolgung aufnehmen musste und deshalb die Weiterfahrt nicht freigeben konnte, wodurch es zu der Verspätung gekommen sei. Man bitte die Fahrgäste, für den Mann Verständnis aufzubringen, ihm zu vergeben und bete dafür, dass der Liebhaber bald dingfest gemacht und seiner gerechten Strafe zugeführt werden könne. Wünsche aber trotzdem gute Weiterfahrt. Tatsächlich ist es so, dass Landtagsabgeordnete, die schon ein paar Jahre dort einsitzen, manchmal Stimmen hören, wie sich das immer wieder zeigt. Wenn Frau Lanter diese Stimme richtig einordnet, wird sie erkennen, dass es tatsächlich möglich ist, dass in Nendeln ein Zug warten muss. Nämlich dann, wenn es sich um einen überlangen Güterzug ausser Plan handelt. Falls der Zugsprecher seine Durchsage nicht unter dem Zwang unserer S-Bahn-Befürworter machte, muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, populistisch und reisserisch zu handeln, anstatt auf den wahren Grund der Verspätung einzugehen. C.G. Jung, der an unserem kollektiven S-Bahn Wahn seine helle Freude hätte, meint: Archetypen sind psychische Energien des kollektiven Unbewusstem. Sie drücken sich aus in Bildern, Symbolen und Stimmen.


Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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