Leserbrief

Unbefriedigt bis in alle Ewigkeit

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 10. Juli 2020

Was sich derzeit im S-Bahnwahn abspielt, ist welt- und geschichtsweit einmalig. Liechtenstein, mickrige 160,5 Quadratkilometer winzig, enteignet seine Bürger und verschenkt das gestohlene Land seinem Nachbarn. Einem Nachbarn, der mit 83 878,99 Quadratkilometern genau 522,61 Mal grösser ist. Nur aus dem Zweck heraus, damit dieser seine Güterzüge durch das ungefähr drittkleinste Land der Erde, das ja aus­serdem zu mehr als der Hälfte aus Gebirge besteht, schleusen kann. Dieses verschenkte Land, das Liechtenstein besser nutzen sollte, um Härdöpfel zu pflanzen, ist dann nach diesem dümmlichen Akt Österreichisches Hoheitsgebiet, auf welchem der Liechtensteiner nichts zu sagen hat. Das bedeutet zum Beispiel, dass, wenn ein Verbrecher, nehmen wir an, ein als untreuer Treuhänder getarnter Selbstverwirklicher, mit seiner Beute auf die Schienen flüchtet, er von unserer Polizei dort nicht verfolgt werden könnte, ohne vorher mit Wien in Verhandlungen zu treten. Wem käme bei der ganzen Geschichte nicht Rotkäppchen in den Sinn, die beinahe vom grossen bösen Wolf, der sich als Grossmutter verkleidet hatte, aufgefressen worden wäre, wäre da nicht der Jäger zurückgekommen und hätte den Sieach verschossen. Österreich, unsere böse Grossmutter, wäre ja nicht ganz sauber, wenn es das dumme, sich lüstern anbiedernde Rotkäppchen nicht auffressen würde. Aber in die Bredouille geraten wir ohnehin. Wir müssen doch so richtig deppert erscheinen, wenn wir über der Grenze im Reiche der Östern verlangen, dass sie die Tunnelspinne nicht bauen, weil wir keinen Mehrverkehr wollen, auf der anderen Seite anbieten, sie sollen ihre Güterzüge durch unser kleines Land scheppern lassen. In den Geschichtsbüchern zu dieser unglückseligen Eisenbahn ist nachzulesen: «Die für Liechtenstein unbefriedigende Streckenführung, welche mit Schaan nur eine einzige grössere liechtensteinische Ortschaft erschloss, führte zu erfolglosen Bemühungen, Vaduz, Triesen und Balzers an das Schienennetz anzuschliessen. Dies war während des Baus der Arlbergbahn 1881–84, dann 1903–07 und 1926 beim Projekt der Rhätischen Bahn für eine Schmalspurbahn von Landquart nach Schaan sowie nach dem Rheineinbruch von 1927 der Fall.» Solche Bemühungen, aus der Bahn etwas Sinnvolles zu machen, sind heute verschwunden. Mangels politischem Mut und Weitsicht biedern wir uns den ÖBB auch noch als Sklave an und verschenken sogar noch wertvolle Landesteile. Etwas, wofür sich kommenden Genrationen für uns schämen müssen.


Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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