Leserbrief

Kollateralschaden am Bildungswesen

Ulrich Hoch, Grüschaweg 11, Triesenberg | 3. Juni 2020

Bildungsministerin Dominique Hasler zeichnete kürzlich ein durchwegs positives Bild des Fernunterrichtes an unseren Schulen im Kampf gegen das Coronavirus. Ein internationales Forscherteam hält den Nutzen von Schulschliessungen zur Bekämpfung der Coronapandemie für gering. Die Wissenschaftler aus Grossbritannien und Australien argumentierten, das neuartige Coronavirus habe sehr abgeschwächte Infektionsraten bei Kindern und seine Ausbreitung sei deshalb durch Schulschliessungen kaum beeinflussbar. Ihre Ergebnisse wurden im Fachblatt «The Lancet Child & Adolexcent Health» veröffentlicht. Neben den Auswirkungen auf die Ausbreitung des Virus befassten sich die Forscher auch mit den sozialen und wirtschaftlichen Effekten von Schulschliessungen. «Die Ausbildung der Kinder wird in Mitleidenschaft gezogen und ihre phsychische Gesundheit kann Schaden nehmen», so die Aussagen der Forscher. Auch eine neue Studie aus Norwegen kommt zum gleichen Schluss. Der Schweizer Chefarzt für Infektiologie, Professor Pietro Vernazza, berichtet, dass es für die Wirksamkeit von Schulschliessungen keine medizinische Evidenz gibt und auch nie gab, da Kinder weder ernsthaft am Virus erkranken noch zu den Überträgern des Virus gehören (im Unterschied zur Influenza). Mittlerweile lässt sich berechnen, welche Massnahmen welche Wirkung erzielten. Die neusten Daten stammen von der ETH Zürich. Prof. Stefan Feuerriegel hat Berechnungen in über 20 Ländern angestellt. Schulschliessungen sowie Ausgangsperren hatten keinen bedeutenden Effekt auf eine Reduktion von Neuinfektionen. Unzweifelhaft zählen die verursachten Schäden am Bildungswesen und an der Bildung der jungen Menschen zu den grössten Kollateralschäden der Coronapandemie. Mit Stand 19. Mai kann man sagen, dass die Schüler seit Schliessung der Schulen Mitte März je nach Jahrgangsstufe zwischen 200 und 300 Unterrichtsstunden verloren haben. Das ist ein Viertel eines Schuljahres und bis zum Beginn der Sommerferien kann es sich auf ein Drittel ausweiten, da ja weiterführende Klassen immer noch reduzierten Präsenzunterricht aufrecht halten. Digitaler Fernunterricht kann diesen Mangel kaum ausgleichen, da es auch primär um soziales Lernen geht. Schadensbegrenzung in Form einer Verkürzung der Sommerferien ist offenbar kein Thema. Wenn Zahlen und Fakten teilweise noch sehr fraglich sind, dann ist die Politik gefordert, ausgiebiger nach Antworten zu suchen. Neue Erkenntnisse und Fehleischätzungen sind zu thematisieren und es muss auch erlaubt sein, eine angebliche Alternativlosikeit infrage zu stellen.

Ulrich Hoch,
Grüschaweg 11, Triesenberg

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