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Leserbrief

Im Banne der Fledermaus

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 16. April 2020

Nun war ich bei der Beerdigung von meinem alten Klassenkamerad August, mit dem ich im Internat in der welschen Schweiz die Patres herausforderte. August war damals in gewissen Dingen der Spitzfindigste, wusste er doch immer, wo und wie man an Zigaretten und an ein Bier kommen konnte. Kein Wunder, betrieb doch sein Vater ja eine Beiz im luzernischen Entlebuch. Diese «Knelle» führte August dann sein ganzes Leben bis nun zu seinem traurigen Tod. Wann ich in der Gegend zu tun hatte, besuchte ich ihn oft und staunte immer, wie er das packt. Jeden einzigen Tag besoffen vom Rotwein der Sorte Cru günstig und eine Zigarette der Marke «GITANES MAÏS» nach der anderen, also ganz starker Tobak. Und wenn eine Serviertochter nicht gut klettern konnte, dann machte er sich über die auch noch her. Möglicherweise hatte ihn sein Aussehen in die Trunksucht getrieben. Denn im Internat wurde er immer gehänselt, weil er Ohren wie eine Fledermaus und dazu zwei weit hervorstehende obere Eckzähne hatte. An der Beerdigung erschien das ganze Dorf in dunklen Anzügen, vereinzelt sogar entlebucher Sonntagstracht, um dem August die letzte Ehre zu erweisen. Wohl weil man wusste, dass das Beizensterben auch im Luzernischen Einzug hält und weil es so einen geselligen Wirt wohl nie mehr geben wird. Beim Leichenschmaus in der Krone im Nachbardorf erfuhr ich dann, warum mein alter Kamerad verstorben ist. Er wäre mit einer tiefen Schnittwunde, weil der bosnischen Serviererin der Zapfenzieher verrutscht sei, ins Spital gekommen, wo er wohl eine Infektion aufgelesen hätte. Darob hätte er dort länger bleiben müssen und wie es der Teufel gewollte hätte, wäre grad auch noch das Fieber über ihn hereingebrochen. Und als man endlich hoffen konnte, es ginge wieder obsi mit ihm, hätte er doch tatsächlich noch so einen Chrona, wie die Entlebucher zu COVID-19 sagen, eingefangen, woran er dann verstorben wäre. Da dachte ich unter Tränen; das hat mein alter Kamerad August wirklich nicht verdient, wegen einer Fledermaus dahingerafft zu werden. Fledermaus, weil Herr Prof. Arevalo ja neulich in seinem fundierten Leserbrief die Zusammenhänge erklärt hat, von wem das Virus in die Menschen gelangte. Nun aber, nachdem die Tränendrüsen wieder versiegt sind, ist dafür bei mir eine Erkenntnis eingeschlichen. Nämlich; ohne die Serviertochter wäre August auch irgendwann gestorben und hätte möglicherweise einen üblen Abgang als Säufer hinnehmen müssen. Dank der Fledermaus ist ihm das erspart geblieben.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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