Leserbrief

Na also, geht doch

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 8. April 2020

Oder wie Helmut Schmidt einst sagte, «In der Krise beweist sich der Charakter». Nun, was ist das, so ein «Charakter»? Täglich sterben weltweit 15 000 Kinder an Hunger, womit der menschliche Charakter jedoch keine Mühe zu haben scheint. Und wer in diesem Zusammenhang gar noch mit der geplanten Kletterhalle daherkommt, oder damit, dass der FC Vaduz Kurzarbeit anmelden muss, der hat sowieso keinen solchigen.
Noch niemals in der Geschichte durften die Menschen in einem ungeheuren Überfluss leben, wie wir seit dem letzten Weltkrieg. In dieser Zeit war alles masslos und wir gingen mit allem und mit allen verschwenderisch um. Kein Ferienziel zu weit, kein Auto zu gross, kein Filet zu teuer. Und nun kommt so ein Virus und bringt uns über Nacht in einen sehr jämmerlichen Zustand. Nämlich in jenen, dass wir erkennen müssen, wie schnell der Tod so nah sein kann.
Und wir merken, wie ungern wir sterben würden. In dieser Zeit der grossen Verschwendung hatte man nur einen Wunsch, nämlich viel Zeit und ein langes Leben zu haben, um all die schönen Dinge dieser Erde noch geniessen zu können. Und auf einmal führt uns der liebe Gott vor Augen, dass das menschliche Leben eben auch ein Ende hat und das macht uns Angst. Angst, dass wir das und dies nicht mehr haben, nicht mehr geniessen, nicht mehr erleben könnten. So scheint es, dass wir nicht so sehr Angst um unser Leben, denn um unseren Luxus haben. Und es zeigt sich, dass wir ja gar nicht vorbereitet sind auf das Natürlichste der Welt, nämlich wieder so zu gehen, so wie wir gekommen sind.
Politik machen: Den Leuten so viel Angst einjagen, dass ihnen jede Lösung recht ist, meint der Journalist Wolfram Weidner, womit er die Sachlage gut erkennt. Politik in ihrer ganz perfiden Raffinesse zeigt sich nun bei uns in diesem verträumten Ländchen. Man solle als Zeichen der Gemeinschaft die Fahnen hinaushängen und der Regierungschef würde diese Massnahme unterstützen. Ui, Rückkehr zum Nationalstaat? Rückkehr zum sozialen Miteinander? Auf einmal? Nicht mehr Bruxelles und nicht mehr Europa first? National und sozialistisch? Na, geht doch. Und so hängt der Doppelbürger neben mir seine griechische und unsere Fahne hinaus. Der Chinese über mir die chinesische, was aber, wenn der Nordkoreaner, der neben der Kirche wohnt, seinen grusigen kommunistischen Lumpen auch noch an die frische Luft hängt?
Apropos alte Leute zu Hause einsperren: Alte Leute sind gefährlich, denn sie haben keine Angst vor der Zukunft. George Bernard Shaw.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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