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Leserbrief

Verkehrsproblem

Guido Meier, Im Quäderle 16, Vaduz | 7. Dezember 2019

Da stehe ich an der LIEmobil-Haltestelle «Hofkellerei» und warte auf den Bus, Freitagabend um 18.15 Uhr. Derweil fahren in beiden Richtungen Autos im Dreisekundentakt vorbei, mit einem Insassen, ausnahmsweise zweien, seltenst drei. SUVs, Vans, Limousinen, jedes vier fünf Sitzplätze. Eine gewaltige Transportkapazität rollt an mir vorbei. Unternutzt, ungenutzt, verschwenderisch.
Warum nimmt mich keiner mit? Ich wäre noch viel schneller am Bahnhof in Buchs als mit dem an sich schon effizienten LIEmobil, und gratis dazu. Beim Verkehrsaufkommen auf Liechtensteins Strassen mit bald 38 000 Autos wäre ich jederzeit schneller an jedem Punkt unseres Landstrassennetzes, wenn mir die Autofahrer einen ihrer leeren Sitze anbieten würden. Ich sparte Zeit und Geld und schützte die Umwelt, da ich mein Auto zu Hause lasse, und der Autofahrer seinerseits kauft sich mit dem Geld für seine Autobenutzung die Freiheit, nach seinem Gusto fahren zu können.
Das Mitfahrenlassen wäre ein Akt der Solidarität, in einem Land des «Du», wo vermeintlich jeder jeden kennt. Doch bekommt man den Eindruck, dass in der abgeschottet gesicherten Autokabine, wo der Individualismus regiert, niemand jeden kennt. Dabei könnten wir in unseren überschaubaren, mit grossem Wohlstand gesegneten Verhältnissen Vorbild- und Modellland sein für effizienten Ressourceneinsatz und für emotional und praktisch geübte mobile Solidarität unter den Einwohnern mit den vielen FL-Nummern. Ein Gegenmittel zum überbordenden Individualismus in unserem schönen Liechtenstein, dass bekanntlich Gott für uns ersehen hat.
Unser Verkehrsproblem ist überhaupt nicht eines mangelnder Stras­sentransportkapazität, es ist viel mehr eines der total verschwenderischen, ineffizienten Nutzung von Verkehrswegen und Verkehrsmitteln – und letztlich ein Problem des Unwillens, des Unvermögens oder der Ungewohntheit, seine eigene individuelle Bewegungsfreiheit mit anderen zu teilen.
Davon ist auch unsere ganze Verkehrspolitik durchdrungen, die es nicht wagt, die Frage des grotesk unternutzten Transportpotenzials des Individualverkehrs aufzugreifen und stattdessen nur nach noch mehr kostspieligem Ausbau des öffentlichen Verkehrs ruft. Um wie viel müsste denn der ÖV (wohl auf Staatskosten) in unserem Land ausgebaut werden, bis tatsächlich 76 Prozent der Einwohner auf diesen umsteigen Ich befürchte: Ein Bus alle zehn Minuten, mit Haltestelle nicht mehr als 100 Meter vor der eigenen Haustüre, und möglichst gratis. Doch halt: Dieses Transportpotenzial fährt ja schon jetzt täglich von morgens früh bis abends spät auf unserem super ausgebauten Strassennetz umher, bis in die hintersten Winkel unseres Landes!
Wir brauchen keine neuen Autostras­sen, wir brauchen den nicht einmal visionären Mut der Politik, dort hinzuschauen, wo das Problem wirklich liegt – das Problem der zulasten von Gesellschaft und Umwelt übernutzten persönlichen Freiheit, und wir brauchen die Bereitschaft jedes Einzelnen, solidarisch der sinnlosen Ressourcenverschwendung, dem überbordenden Individualismus und der Bequemlichkeit in unserem Wohlfahrtsstaat entgegenzuwirken.
Unser Verkehrsproblem ist kein Strassenproblem, es ist ein mentales Problem in unseren Köpfen und Seelen.

Guido Meier,
Im Quäderle 16, Vaduz

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