Leserbrief

Die neue Rechte und die Kunst – Eine Antwort an Ulrich Hoch

Stefan Sprenger,Im Malarsch 9, Schaan | 24. Januar 2019

In seinem Leserbrief Kulturk(r)ampf («VaLa», 22. Januar 2019) holt Ulrich Hoch zu einem Rundumschlag gegen «linksliberale Kulturpolitik» im Nachbarstaat Österreich im Allgemeinen und gegen das Theaterprogramm in Wien im Besonderen aus. Eine Einmischung des Staates – er meint hier die Regierungsparteien ÖVP und FPÖ – sei gerechtfertigt, weil das Kunstgeschehen das Volk beleidige und weil eine «rote» Kulturrevolution in die Schranken gewiesen werden müsse.
Um dieses ein wenig seltsam anmutende Poltern gegen Wiener Theaterpolitik in einer Liechtensteiner Tageszeitung besser einordnen zu können, sei kurz erwähnt, dass Herr Hoch entlang der metapolitischen Leitlinien der Nouvelle Droite argumentiert, die zuerst die kulturelle Deutungshoheit und dann die politische Macht zurückgewinnen will.
Dieser Kulturkampf geschieht momentan in unserem östlichen Nachbarstaat in Realzeit: Die verschärfte Rechte ist bereits an der Macht; Medien, Kultur und Kunst verweigern den Gehorsam.
Dass sich Herr Hoch insbesondere über die Neuinszenierung von Grillparzers König Ottokar erregt, hat Gründe: Das Stück von 1823 handelt vom Gründungsmythos Österreich und wird im Volkstheater erfrischend gegen den Strich gebürstet (man lese z. B. die Kritik im «Standard»). Dass Herr Hoch das am Vorabend der 300-Jahre-Feier tut, ebenfalls: Auch hier geht es um einen Gründungsmythos, den des Staates Liechtenstein.
Ich finde rechtes Denken deshalb interessant, weil es Fragen stellt, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Hier zeigt es sich mit der Kunst verwandt: Ihr gesellschaftlicher Beitrag besteht vor allem darin, Fragen zu stellen – Fragen zu Staat, Tradition, Familie, Bildung, Glaube, Nation und Gründungsmythen …
Rechtes Denken – und mit ihm Herr Hoch – endet regelmässig in der Sackgasse, weil es mit schematisch-verkürzten Aussagen die von ihm aufgeworfenen Fragen gleich selbst beantworten will. Lassen wir also Herrn Hochs rechte «Rote Rübe runter»-Zensurkulturpolitik links liegen, auch weil ich vermute, dass er für Liechtenstein und dessen Kulturszene einen ähnlichen «Kunst bei Fuss!»-Wunsch hegt.
Hochs berechtigte Grundfrage lautet: Was hält Menschen, was hält eine Gemeinschaft, was hält einen Staat zusammen? Es sind Anschlussfragen denkbar: Wie entsteht Identität? Wie weit stärkt Tradition, ab wann schwächt sie? Welche Form von Herrschaft braucht eine Gesellschaft, um sich weiter zu entwickeln?
300 Jahre Liechtenstein sind eine wunderbare Gelegenheit, diese, ähnliche und andere Fragen breit und offen zu diskutieren.

Stefan Sprenger,
Im Malarsch 9, Schaan

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