Leserbrief

Was tut der «Thinktank?», Teil zwei

Univ.-Prof. Dr. iur. Víctor Arévalo, Auring 56, Vaduz | 4. November 2014

Víctor Arévalos Vorschläge, womit sich der «Thinktank» «Zukunft.li» beschäftigen sollte: Erstgenannt gehört die Grundlagenforschung. Wie wird ideologie- und politikfreie Wissenschaft betrieben? Spieltheoretisch lassen sich verschiedene Strategien umreissen. Prioritär wäre jedenfalls das Verfassen eines Werkes, das den Titel «Wissenschaft, Politik und Freiheit» tragen sollte. Es geht nicht nur darum, Wissenschaft und Politik zu trennen, sondern es kommt vielmehr auf das Erringen der dazu geeigneten Wechselwirkung, das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik fruchtbar zu machen, an. Solches ist bis heute ausgeblieben. Zweitens wäre es notwendig, ein Forschungsbereich über die Theorie der rationalen Wahl mit besonderer Berücksichtigung der Spieltheorie einzurichten. Als allgemeingültige Zugangsart, um vorausschauend Entscheidungen zu gestalten oder solche im Nachhinein auszuwerten, gilt die Spieltheorie als grundlegend.
Drittens wäre es empfehlenswert, eine Studiengruppe über nordisches Rechtsdenken einzusetzen, sodass ein fliessender Meinungsaustausch mit norwegischen und isländischen Gelehrten stattfinden kann. Die juristische Weltanschauung nordischer Ländern hat sich geschichtlich unabhängig von dem Kontinentaleuropäischen und von dem Angelsächsischen entwickelt. Das Unwissen darüber hat stetige Missverständnisse zwischen Liechtenstein und seinen EWR-Partnern verursacht. Namen wie Vilhelm Aubert und Torstein Eckhoff sollten hierzulande für die Fachjuristen ein Begriff sein.
Viertens: Grundsätzliche Forschungsbereiche gibt es eine ganze Menge. Allerdings schickt es sich bei einer ersten Stellungnahme an, die Aufzählung offen zu lassen ...
Günther Fritz schrieb im «Vaterland» vom 27. Oktober: «Denn gerade für die Politik ist der Thinktank eine grosse Chance!» Diesem kann ich nur zustimmen. Europa leidet politisch an einem Wissensdefizit, das eine kritische Masse erreicht hat und den Euro zu vernichten droht. «The Economist» vom 31. Oktober berichtet, dass die EU eine zersetzende Deflation konfrontiere, weil der Euro-Wertzuwachs die Wirtschaft lahmzulegen drohe. Die Europäische Zentralbank (kurz: EZB) habe den richtigen Augenblick, die Deflation zu halten, verpasst, um die günstigeren Ölpreise länger als vernünftig auszuschlachten. Politik und Unwissen Hand in Hand tragen dafür die Verantwortung. England ging als Folge in Deckung, fror die Zahlung von 2,1 Milliarden Euro an die EU ein und beschleunigte die Vorbereitungen, die EU zu verlassen. Dieses ist das Ergebnis, Wissen mit Entscheidungen nach Augenmass ersetzen zu wollen.

Univ.-Prof. Dr. iur. Víctor Arévalo,
Auring 56, Vaduz

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